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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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139
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Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 139

beide in dem den Beschaffungskosten entsprechendenPreise das jnstum pretium erblickten, sondern daßdie Anhänger der ersteren ihr Ideal unter Verwerfungder Haupttriebfeder des wirtschaftlichen Handelns undunter Bekämpfung derselben zuerst nur mit religiösen,später auch mit Mitteln der weltlichen Zwangsgewaltzu erreichen suchen, daß dagegen die moderne Volks-wirtschaftslehre jene Haupttriebfeder weder billigtnoch mißbilligt, sondern einfach als Tatsache hin-nimmt und sie eben in den Dienst der Verwirklichungdesselben Ideals stellt. Die moderne Volkswirtschafts-lehre nämlich lehrt, daß gerade infolge des Strebensnach dem größtmöglichen Gewinn nirgends, wo dieKonkurrenz unbeschränkt ist, der Preis der Ware aufdie Dauer über den Beschaffungskosten des Teils derWare zu stehen vermag, der am billigsten hergestelltwerden kann und noch nötig ist, um den Bedarf desMarktes zu decken; nur, wo Monopole und Zölle künst-liche Preisverteuerungen ermöglichen, vermag dasStreben nach dem größtmöglichen Gewinn die Herab-drückung des Preises auf das justum pretium derbilligsten Beschaffungskosten nicht zu bewirken.

Jedenfalls hat eine Politik, die von der verurteiltenWirklichkeit statt vom Seinsollenden ausging, vomEgoismus statt vom Altruismus, der Erfüllung derdem letzteren vorschwebenden Ideale nähergeführt alsalle im Interesse derselben ergriffenen Zwangsmaß-regeln. Da aber, wo auch bei freier Konkurrenz diesesZiel nur ungenügend erreicht wurde, hat die von denKirchenvätern verurteilte Haupttriebfeder des wirt-schaftlichen Handelns eine Bewegung gezeitigt, welcheinnerhalb gewisser Grenzen das wirtschaftliche Idealder Kirchenväter zu verwirklichen bestimmt scheint 1 ).

*) Vgl. Mrs. SidneyWebb, Die britische Genossenschaftsbewegung,und Reinhold Riehn, Das Konsumvereinswesen in Deutschland .