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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Die bloße Nächstenliebe hatte sich also unfähiggezeigt, den Käufern das justum pretium zu sichern.Es ist aber bekannt, daß auch die Maßnahmen derZwangsgewalt, die zu seiner Sicherung ins Leben ge-rufen wurden, gegenüber der Allgewalt und Allge-meinheit des Erwerbstriebs ihr Ziel nicht erreichenkonnten. In den vorgeführten Maßnahmen des Kaiser-reichs finden wir die Anfänge der Preispolitik, welchedas ganze Mittelalter beherrschen sollte und bis in dieNeuzeit nach Geltung strebte. Da zeigt sich denneine bemerkenswerte Ironie des Schicksals: Jene Maß-nahmen waren in der römischen Kaiserzeit dem christ-lichen Streben entsprungen, den Armen und Dürftigengegen Überforderung zu sichern; es ist aber bekannt,daß sie, einmal ins Leben gerufen, schließlich denen,gegen welche sie schützen sollten, das Mittel wurden,um den Käufern Monopolpreise aufzuzwingen.

Dies wurde, wie ich in meiner Rektoratsrede ge-zeigt habe, um so leichter, als sich mit der Lehre vomjustum pretium die mit der mittelalterlichen Standes-hierarchie verknüpften Vorstellungen der berechtigenLebenshaltung der verschiedenen Stände verknüpften.Ich komme hier nicht auf meine dortige Darlegungzurück, wie es der auswärtige Handel war, von demaus dann die ganze Lehre vom justum pretium unter-miniert wurde, bis das der menschlichen Natur inne-wohnende Streben nach ' dem größtmöglichen Gewinngerade als das Mittel erkannt wurde, um einen denBeschaffungskosten der Ware entsprechenden Preiswirklich herbeizuführen.

Dies nämlich ist das für den Unterschied zwischender altchristlichen und mittelalterlichen Auffassungund der Auffassung der modernen Volkswirtschafts-lehre Entscheidende: nicht, daß beide nicht anerkannten,daß das justum pretium ein Ideal sei, oder daß nicht