Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 141
meine Darlegung der Lehre der Yäter von der Ver-dienstlichkeit der Weltflucht und vom Reichtum, Eigen-tum und Handel sei ein Zerrbild der katholischen Lehregewesen. Nach den Beweisen für ihre Richtigkeit,die ich hier vorgeführt habe, erwarte ich getrost dasUrteil des Lesers über ihre Berechtigung. Es erhebtsich angesichts der großen Fülle der für meine Dar-stellung beigebrachten Belege vielmehr die Frage, wiesoll man sich erklären, daß diese Beschuldigung über-haupt erhoben worden ist? Ich erkläre es folgender-maßen: Von Anfang an stand die christliche Lehremit der natürlichen Stellung der Menschen zu denwirtschaftlichen Gütern in Gegensatz. Von Anfangan klang sie den Reichen hart: selbst die Jüngerhatten sich schon darüber entsetzt, und der hl. Hierony-mus nannte sie difficile, durum et contra naturam. Wieder Jüngling im Evangelium gingen viele betrübt fortund verzweifelten an ihrer Seligkeit. Sehr früh be-gegnen wir daher Bestrebungen, die Strenge der Lehrezu mildern. In der Schrift: Quis dives salvetur desClemens von Alexandrien haben wir sie kennengelernt.Thomas von Aquin hat sich, wie ich in meiner Rektorats-rede gezeigt habe, bemüht, Auswege zu finden, um diefortgeschrittene wirtschaftliche Entwicklung seinerzeitmit der christlichen Lehre in Einklang zu bringen.Unter seinen Nachfolgern tritt das Bestreben, Aus-kunftsmittel zu schaffen, um Lehre und Leben zu ver-einigen, in steigendem Maße hervor. Seit dem 16. Jahr-hundert aber hat sich das wirtschaftliche Leben vonden ethischen Urteilen der alten Kirche ganz emanzipiert.Da ist denn, wie auf anderen Gebieten, so auch aufdem der Wirtschaftslehre das Bestreben hervorgetreten,eine Wiederversöhnung zwischen Leben und Wissen-schaft einerseits und kirchlicher Lehre andererseitsherbeizuführen. Das war nur möglich, wenn man offen