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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lu jo Brentano

die Reformbedürftigkeit der kirchlichen Lehre ein-räumte und sie entsprechend dem sich fortentwickelndenLehen umgestaltete. Tatsächlich hat man das letzterewohl auch getan, ganz ebenso wie es schon Thomasvon Aquin und dessen Nachfolger getan hatten. Aberdaß man es tat, konnte man prinzipiell nicht einräumen,solange man, wie es geschieht, behauptet, daß diekatholische Kirche von Anfang an bis heute in nichtssich geändert habe. .So gelangte man denn, angesichtsder wachsenden Bedeutung der materiellen Güter unddes Strebens nach ihrem Besitz auch bei den katholischgebliebenen Völkern, dazu, den Sinn umzudeuten, derder Lehre der Väter innewohnt.

Nun verdienen gewiß alle diejenigen die wärmsteSympathie, die bemüht sind, zu hindern, daß diekirchliche Lehre in nicht allzu großen Gegensatz zurwissenschaftlichen Erkenntnis trete; nur müssen ihreBemühungen auf die Fortbildung der kirchlichen Lehregerichtet sein. Wenn sie aber dahin gehen, den Sinnumzudeuten, welcher der kirchlichen Lehre der Ver-gangenheit innewohnt, treten sie mit der Wahrheit inWiderspruch. Und nicht nur mit der Wahrheit, sondernauch mit dem erhabensten Inhalt der alten christlichenLehre. Denn, wie unzureichend immer die Predigt derNächstenliebe war, um die von den Kirchenvätern er-strebte Gerechtigkeit im Wirtschaftsleben zu verwirk-lichen, dieses ihr Ziel wird nicht vergehen, solange esMenschen gibt; und die unerschütterliche Charakter-stärke und das unvergleichliche Talent, womit sie ihreZeitgenossen dafür zu begeistern gesucht haben, wirdstets die Bewunderung derer finden, welche dem Zauberihres Ideales verfallen sind. Erstände doch in unsererZeit künstlicher Getreideverteuerung und der Preis-treiberei durch Kartelle wieder ein Basilius, der dapredigte über das:Wehe denen, die Acker an Acker