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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

sie sind auch nicht so frei wie andere Freie. Sie sindFremde, die auf christlichem Gebiete wohnen unterBedingungen, wie sie ihnen der Herr des Gebiets will-kürlich auferlegt 1 ). Yor allem erlangen sie nur einNutzeigentum an allem, was sie haben und erwerben.Aber sie haben nicht die Abgaben der Hörigen zuleisten. Dagegen unterliegen sie der Besteuerung nachBelieben der Herren, die nur durch die Erwägungeingeschränkt wird, daß man die Henne nicht tötendürfe, welche die goldenen Eier legt. Der Jude waralso eine Quelle großer Einnahmen. Daher freuensich Fürsten und Bischöfe, Juden in ihrem Gebiete zuhaben, und man sucht sie durch Privilegien an sichzu ziehen. So siedelt z. B. der Bischof Rüdiger vonSpeyer im Jahre 1084 Juden an,damit er dadurchden Glanz des Ortes vertausendfache 2 ), und ähnlichHerzog Ludwig von Bayern bei der Gründung vonLandshut im Jahre 1204 3 ).

Allein Handel und Geldleihe sind importierte,ihrer Natur nach kapitalistische Erwerbstätigkeitengewesen. Was uns interessiert ist: welches ist in dennach dem Untergang des weströmischen Reichs ent-standenen Germanenreichen die nationale Erwerbs-

1 ) Über den Ursprung dieser eigentümlichen Stellung derJuden als persönlich freie Glieder einer im Lande anerkanntenfremden Nation vgl. die von mir aufgestellte Vermutung amSchlüsse der letzten Abhandlung in diesem Bande.

2 ) Siehe A r o n i u s , a. a. 0. S. 70.

a ) Der Herzog scheint, als er gelegentlich eines mit demBischof von Regensburg geführten Kriegs Stadt und Burg Lands-hut erbaute, sich dabei der Hilfe, d. h. des Geldes der Juden be-dient zu haben. Es siedelten sich dort auch Landleute an, welchevon ihm durch Privilegien gegen ihre Gläubiger unterstützt wurden.Endlich läßt sich dort auch ein Jude nieder, welcher den Ein-geborenen gegen Zins Geld vorstreckt. Siehe Aronius, a. a.0. S. 162.