Druckschrift 
Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
Entstehung
Seite
232
Einzelbild herunterladen
 

232

Lujo Brentano

erfolgte die Verstaatlichung des Erwerbs durch denKrieg, des Eroherungs- und Beuterechts, aber nichtohne daß Überreste des vorausgegangenen Zustandesnoch während Jahrhunderten blieben. Vor allem bliebder Anspruch auf Anteil an der Beute. In der Schlachterstrebte man nach wie vor, besonders einen Reichenund Mächtigen zum Gefangenen zu machen: das Löse-geld gehörte dem, der ihn gefangen genommen hatte.

Nun sollte man meinen, eine solche Klasse vonMenschen habe ein ausgezeichnetes Material zum Krieg-führen für die gebildet, denen sie zu dienen verpflichtetwaren. Der Ritter unterschied sich ja von allenanderen Kriegern vor und nach ihm. Er war Kriegervermöge seiner Geburt. Von seiner ersten Jugend an-gefangen trieb er das Waffenhandwerk. Er wie keinanderer war in allen Künsten des Waffenhandwerksgeübt. Und trotzdem bildete das Feudalheer dasschlechteste Heer zum Kriegführen, das man sichdenken kann.

Das war, wie schon Garreau 1 ) vortrefflich hervor-gehoben hat, einmal der Ausfluß der Unbändigkeit undWillkür dieser ungezügelten Individualisten. Sieäußerte sich selbst in der Schlacht. Der Ritter warnicht wie ein römischer Soldat das Glied einer Centurieoder wie ein moderner Soldat ein Mann in einerKompagnie, einem Bataillon, einem Regiment, das mitanderen einheitlich zusammenwirkte. Er blieb stetsein Einzelner. Hundert Ritter bildeten nicht eineSchwadron; sie blieben stets hundert Ritter; höchstens,daß man sie mit Mühe zu Beginn der Schlacht zugemeinsamem Ansturm bewegte 2 ). Im übrigen kämpfte

fl Garreau, Letat social de la France au temps descroisades. Paris 1899, p. 165 ff.

s ) So heißt es z. B. hei Order icus Vitalis a. a. 0.lib. XII, ed. Le Prevost, IV, 359, von der Blüte der Ritterschaft