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Lu jo Brentano
Chios und Cypern wandelt sich das mittelalterlichegrundherrlich-bäuerliche Verhältnis in die Plantagen-wirtschaft, eben in der Zucker- und Baumwollindustrie,in der wir sie, nach Amerika verpflanzt, dort späterwieder finden. Und dann bringt die Bekanntschaftmit der Herstellung von Seiden- 1 ) und Samtstoffen imOrient auch im Gewerbebetrieb die ersten kapitalistischen Betriebsformen nach Italien : es entstehen das haus-industrielle Verlagssystem und die Manufaktur 2 ). Und
*) Roger von Sizilien hat, ähnlich wie Friedrich der Große ,um die Damastweberei in Schlesien einzubürgern, Damastweberin Sachsen ausheben und nach Schlesien verbringen ließ, gelegent-lich seines Feldzugs nach Griechenland Seidenarbeiter aus Athen ,Theben und Korinth nach Palermo fortgeführt. Es waren ins-besonders jüdische Seidenweber, die er angesiedelt hat. Vgl. R.Straus, Die Juden im Königreich Sizilien etc., S. 69ff. „Vonder Zeit an“, schreibt Otto von Freising im 2. Teil desI. Buchs seiner Denkwürdigkeiten aus dem Leben Friedrichs I., „gibt es in den Abendländern Seidenmanufakturen, welche bisherunter allen christlichen Völkern nur von Griechen getrieben wurden.“Tatsächlich gab es solche in Lucca schon früher; siehe die in derfolgenden Anmerkung zitierte Schrift von Broglio d’Ajano.
2 ) Während Roger von Sizilien die Seidenindustrie kurzerHand nach Palermo verpflanzt hat, haben Venedig und Genua zunächst das Hauptgewicht auf die Förderung der in ihren Nieder-lassungen in der Levante bestehenden Seidenindustrie gelegt.Eine Urkunde aus dem 11. Jahrhundert erwähnt venezianischeSeidenfabriken in Konstantinopel; eine zweite spricht von syrischenSeidenwebern, welche im 12. Jahrhundert im venezianischen Quartierin Tyrus angesiedelt waren. So kam es, daß die Seidenindustriein Italien nicht von Venedig oder Genua, sondern von Lucca ihren Ausgang genommen hat. Die Seidenweber waren zünftigorganisierte Kleinmeister, die aber nur formell selbstständig, tat-sächlich von den Kaufleuten abhängig waren, an die sie über-wiegend verkauften. Die italienische Seidenindustrie war alsotatsächlich eine von kapitalistischen Verlegern abhängige Haus-industrie. Vgl. Romolo Graf Broglio d’Ajano, Die venezia-nische Seidenindustrie und ihre Organisation bis zum Ausgangdes Mittelalters. Stuttgart 1893. „Die Färberei, mit der die