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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Die Anfänge des modernen Kapitalismus

der Geldleihe und dem Kriegswesen seinen Anfanggenommen; die auf kapitalistischer Grundlage organi-sierten Kriegszüge der Kreuzfahrer hatten als Rück-wirkung das Eindringen der kapitalistischen Wirtschafts-ordnung auch in das Gewerbe und die LandwirtschaftItaliens und anderer Länder mit aufblühendem Städte-wesen. Im 13., 14. und 15. Jahrhundert wird sie inItalien in allen Erwerbszweigen vorherrschend, so zwar,daß die Denkweise des Kaufmanns auch alle übrigenBeziehungen des Lebens durchdringt 1 ). Jacob Loredano,der Gegner des Dogen Francesco Foscari , schreibt insein Hauptbuch:Der Doge Foscari, mein Schuldnerfür den Tod meines Vaters und meines Oheims, undnachdem er den Sohn des Dogen und diesen selbst zuFall gebracht, schreibt er auf die gegenüberstehende

) Daher der Gegensatz zwischen der auf Grundeigentumbasierten Herrenbevölkerung der germanischen Völker des Mittel-alters, wie sie L. Gar re au, a. a. 0. p. 143 ff., charakterisiert,und dem venezianischen Nobile, wie ihn Heinrich Leo , Geschichteder italienischen Staaten I, 12, 13, Hamburg 1829, schildert. Jenesind impulsive Naturen von oft brutaler Energie. Aber sie ver-lassen ein Ziel, das sie soeben verfolgt haben, um einem neuennachzujagen, sobald sie unter den Einfluß eines neuen Eindrucksgelangen. Im kleinen sind sie scharfsinnig; aber sie sind unfähigzu abstraktem Denken. Sie haben Ähnlichkeit mit Kindern; ihrDenken hat nie eine geistige Schulung durchgemacht. Sie könnenvon unbarmherziger Grausamkeit sein; dann aber geraten sieplötzlich unter den Einfluß eines religiösen Gedankens. Dannwerden sie von bitterer Reue erfaßt; laut bekennen sie ihre Sündenund empfinden geradezu Wollust, sich anzuklagen. Im nächstenAugenblick aber benehmen sie sich mit gleicher Ungerechtigkeitund Grausamkeit wie vorher. Ganz anders der venezianischeNobile. Hier kein impulsives Handeln. Seine Existenz, sein Reich-tum, seine Macht hängt davon ab, daß er die Verhältnisse richtigerfaßt und mit eiserner Konsequenz handelt. Bei ihm keineHerrschaft des Gemüts, sondern des strengen Verstands. Bei ihmist alles Berechnung. Was dieser Unterschied bedeutet, hat dervierte Kreuzzug gezeigt.

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