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Ober den vierten Kreuzzug
schlugen“ 1 ). Die Normannen und dann wieder KaiserHeinrichVI. hatten nach dem griechischen Thron als dembegehrenswertesten Ziele gestrebt. Hat doch „das ganzeMittelalter“, wie Charles Diehl schreibt 2 ), „von Kon-stantinopel als der Stadt der Wunder geträumt, diees in einer Goldspiegelung erblickte. Man träumtedavon in den kalten Nebeln von Norwegen und an denUfern der russischen Flüsse, auf denen die nordischenAbenteurer gegen das unvergleichliche ,Tsarigrad‘herabfuhren; man träumte davon in den Burgen desAbendlandes, wo die Troubadours von den Wundernsangen, die den kaiserlichen Palast schmückten, vonden bronzenen Kindern, die ins Horn stießen, und demsich drehenden Saale, welchen die Wellen des Meeresbewegten, und dem leuchtenden Karbunkel, der desNachts die Gemächer erhellte. Man träumte davonauch in den Kontoren Venedigs, wo man berechnete,daß die Kaiser aus ihrer Hauptstadt allein ein jähr-liches Einkommen von 8300000 Goldsolidi zogen, mehrals 550 Millionen Franken von heute.“ Die AufforderungKönig Philipps, gen Konstantinopel zu ziehen, brachtedie Besitznahme dieser Wunderstadt in den Bereichdes Möglichen. Um den Papst aber hatte sich Dandolo schon nicht gekümmert, als dieser gegen die Ablenkungdes Kreuzzugs gegen Zara protestiert und die Kreuz-fahrer, die trotzdem gegen Zara zogen, exkommunizierthatte; jetzt, als er abermals empört war, daß die demBann kaum Entronnenen den Zug nach Ägypten aufsneue zurückstellten, beruhigte man ihn, da Alexiosals Folge seiner Einsetzung auf den Thron die Wieder-vereinigung der griechischen mit der römischen Kirche
x ) Vgl. oben S. 27, Anmerkung 1. — 6. Hopf, GeschickteGriechenlands im Mittelalter im 85. Band d. Allg. Encyklopädievon Ersch und Gruber, S. 144, 151.
3 ) Ch. Diehl, Etudes Byzantines. Paris 1905, p. 12.
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