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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Handel und Kapitalismus

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dieser seiner Lehre auch bei anderen Gelehrten An-klang gefunden hat * 1 ).

Ich habe schon oben dargelegt, daß diese LehreSombarts zweierlei übersieht: die Lage des Handwerkszur Zeit, da der Handwerker nicht weiter strebte alsnach Sicherung seinerNahrung, und das Streben,welches die damaligen Herrenmenschen erfüllte. DerHandwerker war damals kein gleichberechtigtes Gliedder Gesellschaft. Er befand sich in einer abhängigenStellung. Er war noch nicht einmal eine vollkommenselbständige Wirtschaftseinheit, sondern nur ein Gliedsei es der Fronhofs Wirtschaft, sei es der dem Stadt-regiment unterworfenen Gilde. So lange dies der Fallwar, konnte sein Streben selbstverständlich nicht aufUnbegrenzten Erwerb gehen. Er mußte zufrieden sein,wenn es ihm gelang, gegenüber den Übermächtigenseinen herhömmlichen Unterhalt zu wahren.

Anders die Herrenmenschen. Schon lange vorEntstehen des Kapitalismus waren sie vom Strebennach unbegrenztem Erwerbe erfüllt. Es tritt uns beiihnen die Schrankenlosigkeit des Strebens nach Reich-tum schon auf den primitivsten Kulturstufen mit der-selben Intensität wie auf den entwickeltsten entgegen.Daher schon bei Homer Odysseus lieber noch längerin der Welt umherstreifen will, wenn er dann nurmehr Hab und Gut nach Hause brächte. Um ihrenReichtum zu mehren, haben bei den alten GriechenKönige und Adel sich schon frühzeitig an kommerziellenund industriellen Unternehmungen beteiligt. Von Solon stammt der Yers:

*) So bei R. v. Pöhlmann, Geschichte der sozialen Frageund des Sozialismus in der antiken Welt, 2. A., München 1912,

I 168.

L. Brentano , Der wirtschaftende Mensch.

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