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„Reichtum hat kein Ziel, das kennbarden Menschen gesteckt ist“,und schon im 6. Jahrk. v. Chr. schreibt Tkeognis ausMegara, daß Reichtum von allen Dingen die größteMacht verleiht (Vers 520), und an anderer Stelle(Vers 653): „Wäre ich reich und hätte die Gunst derUnsterblichen, so würde ich mich um andere Tugendnicht kümmern“. Daher ferner die unzähligen Stellenbei Dichtern, Rednern und Philosophen zur BlütezeitGriechenlands und ebenso gegen Ende der römischenRepublik und zu Beginn der römischen Kaiserzeit, dieauf den Grundton gestimmt sind, daß die Mertschenvon nichts anderem erfüllt seien als von dem Strebennach dem größtmöglichen Gewinn 1 ). Daher auch dieschon in meinem Akademievortrag 2 ) angeführte Be-merkung des Ambrosius, daß Josua zwar imstande ge-wesen sei, die Sonne zum Stillstand zu zwingen, nichtaber der Gewinnsucht Herr zu werden, und die Ge-schichte , welche Augustinus von dem Schauspielererzählt, der angekündigt habe, er wolle einemjeden sagen, was er am meisten wünsche, und denZusammenströmenden zurief: Billig kaufen und teuerverkaufen.
Aber vielleicht erwidert man, schon bei Homer zeigten sich die ersten Spuren des Kapitalismus undim 6. Jahrh. v. Chr., am Ende der römischen Republik und in den Anfängen der Kaiserzeit wie zur Zeit deshl. Ambrosius und des hl. Augustinus sei er schon invollster Entfaltung gewesen. Ich will darüber nichtstreiten; aber dasselbe nnbegrenzte Streben nach Er-werb zeigt sich auch bei den Barbaren auf frühester,rein naturalwirtschaftlicher Kulturstufe.
*) Ygl. P1 a t o s Gesetze XI 919.
2 ) Siehe oben S. 222.