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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Handel und Kapitalismus

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Wie ich schon 1908 geschrieben habe v ): Zur Zeit,als noch Land im Überfluß vorhanden war und dasKapital noch keine Rolle spielte, war es die Arbeitallein, wovon der Ertrag abhing. Daher ging dasStreben damals dahin, durch Gewalt möglichst vielArbeitskräfte in Abhängigkeit von sich zu bringen.Je größer die Anzahl Menschen, über die einer verfügte,desto größer sein Ansehen, seine Macht über Andere.So war es sowohl bei den alten römischen Patriziern,wie bei den germanischen Großen, die nach möglichstgroßer Gefolgschaft strebten.

Dann, als zwar das Land noch gemein, aber Vieh-besitz nötig war, um es zu nützen, war das Strebennach Viehbesitz das Allbeherrschende. Wer es besaß,lieh es an Andere aus gegen Abgaben und Dienste,und je größer seine Viehzahl, desto größer die Zahlder von ihm Abhängigen, desto größer sein Ansehenund seine Macht. Derartige Zustände zeigen die BrehonLaws für die Kelten in Irland , und nach dem , waswir dort finden, können wir schließen, daß die Zu-stände der Kelten in Gallien die gleichen waren, alsCaesar dahin kam 2 ).

Dann, als das Land in Sondereigentum über-gegangen war, richtete sich das Verlangen der Mächtigennach immer mehr Landbesitz. Denn wer Land besaß,hatte das Mittel, um andere in Abhängigkeit von sichzu briugen; und je größer sein Landbesitz, um sogrößer die Zahl seiner Anhänger, um so größer sein

*) Lujo Brentano , Versuch einer Theorie der Bedürf-nisse. Sitzungsberichte der K. Bayer. Akademie der Wissensch.Philos.-philol. und histor. Klasse, Jahrgang 1908, 10. Abhandlung,S. 55 ff.

a ) Vgl. die diesbezüglichen Ausführungen in meiner SchriftÜber Anerbenrecht und Grundeigentum, Berlin 1895, S. 17, 18,und das oben S. 216 in Anmerkung 2 Gesagte.

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