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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Übels. Das christliche Ideal aber wurde die Welt-flucht.Lossagung vom Materiellen, Unterdrückungdes Sinnlichen, Zurückziehung des Geistes in seineigenes Selbst erschien als die höchste Aufgabe dessittliche Strebens. Entsagung dem Irdischen und allemEigentum als die höchste Vollendung 1 ).

Erscheint aber die Erwerbsgier als die Wurzelalles Übels, so war es folgerichtig, den Handel zu ver-urteilen ; denn der Handel erschien von Anfang an alsder Träger des verpönten Strebens nach dem größt-möglichen Gewinn ; seiner innersten Natur nach strebter danach, möglichst billig zu kaufen und möglichstteuer wieder zu verkaufen. Daher denn die Handels-feindlichkeit des christlichen Altertums 2 ).

Ich habe in meiner Rektoratsrede überEthikund Volkswirtschaft in der Geschichte dargetan, daßdiese Lehre vom Seinsollenden sich nicht hat durch-setzen können, weil sie zu sehr sowohl der mensch-lichen Natur als auch den Bedingungen, unter denendie Menschen zu wirken hatten, widersprach 3 ). Ich

*) So sagte ich in meiner Rektoratsrede am 23. November1901 überEthik und Volkswirtschaft in der Geschichte. Sieheoben S. 36.

2 ) Vergleiche meine Rektoratsrede oben S. 38 ff.; dazu meineAbhandlungDie wirtschaftlichen Lehren des christlichen Alter-tums, oben S. 77 ff.

3 ) Ernst Troeltsch, Die Soziallehren der christlichenKirchen und Gruppen, Tübingen 1912, S. 51, Anmerkung 31, hatüber meine Rede und die daran anknüpfende Abhandlung ge-schrieben:Brentanos Darstellung entbehrt jeder Vertrautheit mitdem Geist der alten Kirche, will ja auch nur die Unbrauchkeitder altchristlichen Ideen für eine liberale kapitalistische Wirt-schaftspolitik dartun, woran ohnedies nicht zu zweifeln war.Nun gilt wohl auch vomGeist der alten Kirche, was Faust vonder Herren eigenem Geiste sagt,in dem die Zeiten sich be-spiegeln. Der einzige Beleg, den Troeltsch für meine mangelndeVertrautheit mit demGeiste der alten Kirche anführt, ist, daß