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nach Franklin die Bescheidenheit wie alle Tugendennur soweit Tugend ist, als sie in concreto dem ein-zelnen ,nützlich' ist und das Surrogat des bloßen Scheinsüberall da genügt, wo es den gleichen Dienst leistet. . .,Das‘, fährt "Weher fort'), ,was Deutsche an denTugenden des Amerikanismus als ,Heuchelei' zu emp-finden gewohnt sind, scheint hier in flagranti zu er-tappen.“ Ihr armen uneigennützigen Menschen, dieihr in allen Ländern, um andere zur Stiftung vonGutem zu vereinen, ganz ebenso wie Franklin verfährt,nun müßt ihr euch noch als „Heuchler“ brandmarkenlassen! Und nicht geringere "Willkür zeigt Weber,wo er schreibt a ), Franklin habe „die Tatsache selbst,daß ihm die ,Nützlichkeit' der Tugend aufgegangensei, auf eine Offenbarung Gottes zurückgeführt, derihn dadurch zur Tugend bestimmen wollte“. DerSatz Franklins, den Weber als Beleg für die Richtig-keit dieser Behauptung aufführt 3 ), besagt gerade dasGegenteil. Franklin schreibt: „Die Offenbarung alssolche hatte jedoch in der Tat kein Gewicht bei mir,sondern ich war der Meinung, daß, obschon gewisseHandlungen nicht schlecht, bloß weil die offenbarteLehre sie verbietet, oder gut deshalb seien, weil sieselbige vorschreibt, doch — in Anbetracht aller Um-stände — jene Handlungen uns wahrscheinlich nur,weil sie ihrer Natur nach schädlich sind, verboten,oder weil sie wohltätig sind, uns anbefohlen wordenseien.“ Franklin war, wenn auch kein gläubiger Christ,doch ein Geist, der die Morallehren Christi für dievollkommensten hielt 4 ). Der von Weber angeführte
l ) Archiv für Sozialwissenschaft XX, 16. 2 ) Ebenda.
3 ) Ebenda S. 15, Anmerkung 3.
*) Siehe Franklins Leben und Schriften II, 201; II, 118und a. a. 0.