Puritanismus und Kapitalismus
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Satz besagt nun, daß er diesen Lehren nicht deshalbGewicht beilege, weil sie geoffenbart seien, sondern erhalte dafür, daß sie geboten seien, weil sie der Naturder Dinge 'entsprächen. Endlich ist es geradezu dasGegenteil von wahr, wenn Weber von Franklin sagt 1 ):„das ,summum bonum 1 seiner ,Ethik' sei der Erwerbvon Geld und immer mehr Geld, unter strengsterVermeidung alles unbefangenen Genießens, so gänzlichaller eudämonistischen oder gar hedonistischen Gesichts-punkte entkleidet, so rein als Selbstzweck ge-dacht, daß es als etwas gegenüber dem ,Glück 1 oderdem ,Nutzen 1 des einzelnen Individuums jedenfallsgänzlich Transzendentes und schlechthin Irrationaleserscheint“. Lesen wir dagegen Franklins „Gesprächeüber Tugend und Freude“ ; darin läßt er den seineAnsicht vertretenden Philokles sagen 2 ): „Das, was duso bitter tadelst und als das schrecklichste Übel inder Welt verschreiest, die S elbst ver 1 eugnung ,ist in der Tat das größte Gut und führt zurhöchsten Selbstzufriedenheit.“ Unter dieser Selbst-verleugnung versteht er den Verzicht auf Genüsse.Aber warum und wann mutet er dem Menschen Ver-zicht auf Genüsse zu? Etwa weil er „alles un-befangene Genießen“ vermieden sehen will? Franklinhat ja den Luxus damit gerechtfertigt 3 ), daß „dieHoffnung, einst Gegenstände des Luxus erlangen andgenießen zu können, ein scharfer Sporn zu Arbeit undBetriebsamkeit sei“. Er ist also für nichts wenigerals für Gelderwerb rein als Selbstzweck gedacht. Viel-mehr hat er in seinem Briefe „Die Pfeife“ an MadameBrillon geschrieben 4 ) : „Wenn ich einen Geizhals traf,
J ) Archiv usw. XX, 16.
3 ) Franklins Leben usw. II, 216. 8 ) Ebenda IV, 57.
*) Ebenda IV, 140.