Puritanismus und Kapitalismus
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bonum erblickt habe, den Schluß 1 ), daß in seinem Ge-burtslande Massachussetts der „kapitalistische Geist“vor der „kapitalistischen Entwicklung“ dagewesen sei,und sieht darin eine weitere Widerlegung derjenigen,welche derartige „Ideen“ als „Widerspiegelung“ oder„Überbau“ ökonomischer Situationen ins Leben treten* lassen. An einer späteren Stelle kommt er abermalshierauf zurück. „Wie ist es historisch erklärlich,“ sofragt er 2 ), „daß im Zentrum der kapitalistischen Ent-wicklung der damaligen Welt, in Florenz im 14. und15. Jahrhundert, dem Geld- und Kapitalmarkt allerpolitischen Großmächte, als sittlich bedenklich galt,was in den hinterwäldlerisch-kleinbürgerlichen Ver-hältnissen von Pennsylvanien im 18. Jahrhundert, wodie Wirtschaft aus purem Geldmangel stets in Natural-tausch zu kollabieren drohte, von größeren gewerb-lichen Unternehmungen kaum eine Spur, von Bankennur die vorsintflutlichen Anfänge zu bemerken waren,als Inhalt einer sittlich löblichen, ja gebotenen Lebens-führung gelten konnte?“ Die Antwort, die Weberauf die Frage gibt, lautet: In Pennsylvanien herrschtedie puritanische Ethik, welche den Gelderwerb umseiner selbst willen dort schon, bevor eine kapitalistischeWirtschaft ins Leben getreten war, zu einem „Berufe“im Sinne Benjamin Franklins gemacht hatte, in Florenz dagegen die Wirtschaftsethik der katholischen Kirche ,welche der hl. Hieronymus in dem Satze omnis divesaut iniquus aut iniqui haeres zusammengefaßt hatte.Ich habe schon oben als den Hauptfehler Webers be-zeichnet, daß er die heidnische Emanzipation vomTraditionalismus, die von Italien ausging, ganz ver-nachlässigt habe; jetzt haben wir auch kennen gelernt,
1 ) Archiv für Sozialwissenschaft usw. XX, S. 18.
2 ) Ebenda S. 33.
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