Druckschrift 
Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
Entstehung
Seite
418
Einzelbild herunterladen
 

418

Lujo Brentano

so wirst du finden, daß es dem Wesen aller Geschöpfeauf dieselbe Weise eigen ist, daß ihre Glückseligkeitoder ihr höchstes Gut darin besteht, ihrer höchstenFähigkeit gemäß zu handeln, oder durch ihre Hand-lungsweise den Forderungen derjenigen Fähigkeit zuentsprechen, welche die besondere Art dieses einen Ge-schöpfes von allen anderen Geschöpfen unterscheidet.Die höchste Fähigkeit des Menschen ist seine Vernunft;mithin besteht sein höchstes Gut, oder das, was mitRecht sein Heil genannt werden kann, in einer Hand-lungsweise, welche den Forderungen der Vernunft ent-spricht, deren natürliche Tendenz dahin geht, ihn zurwahren, reinen Glückseligkeit zu führen; und dieseHandlungsweise nennen wir vorzugsweise die moralischgute.

Das ist die Ethik Benjamin Franklins in seineneigenen Worten. Sie enthält starke Anklänge an dienikomachische Ethik des Aristoteles X, 69. Undvon diesem Manne schreibt Max Weber 1 ):Eine Ge-sinnung, wie sie in den zitierten Ausführungen BenjaminFranklins (seinen oben wiedergegebenen Ratschlägen anjunge Geschäftsleute) zum Ausdruck kam und den Bei-fall eines ganzen Volkes fand, wäre im Altertum wieim Mittelalter ebenso als Ausdruck schmutzigsten Geistesund einer schlechthin würdelosen Gesinnung proskribiertworden, wie dies noch heute von allen denjenigen sozialenGruppen regelmäßig geschieht, welche in die spezifischmoderne kapitalistische Wirtschaft am wenigsten ver-flochten oder ihr am wenigsten angepaßt sind. Esscheint mir überflüssig, ein Wort der Kritik hinzu-zufügen.

Max Weber zieht daraus, daß Benjamin Franklin im Erwerb von Geld und immer mehr Geld das summum

l ) Archiv für Sozialwissenschaft usw. XX, 19.