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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Judentum und Kapitalismus

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Gnade Gottes befinde. Je größer der Gewinn, destogrößer der sichtbare Gnadenstand. Der Puritanerstrebte also nach dem größten Gewinn nicht bloß, umreich zu werden, sondern auch, um zum ewigen Lebenzu gelangen.

Ich will ganz davon absehen, daß damit die LehreSombarts, daß in der kapitalistischen Unternehmungein abstrakter Zweck der Wirtschaft an die Stelledes konkreten, der Fürsorge für die persönlichen Be-dürfnisse des Wirtschafters trete, wieder verlassen ist.Denn zu den persönlichen Bedürfnissen gehört auchdie Fürsorge für die Zeit nach dem Tode. Und wenndieses Bedürfnis so stark war, daß es alles Triebhafteim Menschen zu disziplinieren und dessen ganzes Lebenzu rationalisieren imstande war, ist dies ein Beweisfür die Intensität, mit welcher dieses Bedürfnis vomPuritaner empfunden wurde. Trotzdem huldigt auchMax Weber der Lehre Sombarts, daß mit der kapi-talistischen Unternehmung ein abstrakter an die Stelleder früheren konkreten Zwecke der Wirtschaft getretensei. Indes es gibt noch ganz andere Gründe, welchedie Irrigkeit der Weberschen These dartun. Ich habesie im vorigen Abschnitt dargelegt.

Nach der Veröffentlichung von Max Webers Auf-sätzen ist Sombart auf die Frage der Anfänge desmodernen Kapitalismus zurückgekommen. In seinemWerke von 1902 hatte er das Jahr 1204 für dessenGeburtsjahr erklärt und ihn in Italien entstehen lassen.Der Puritanismus datiert aber erst aus dem 17. Jahr-hundert; außerdem hat man von je die Juden alstypische Vertreter des Kapitalismus betrachtet. Daswaren augenscheinliche der These Webers entgegen-stehende Hindernisse. Es gab ein Mittel, diese zu über-winden : wenn man in der von Weber den Puritanernzugewiesenen Rolle an deren Stelle die Juden setzte.