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die ihnen früher geopfert wurden. Bricht ein Unglücküber ein Volk herein, so erklären dies die Seher alsStrafe für die Verletzung eines göttlichen Gebots 1 ).Herkules am Scheidewege steht vor keinen anderenErwägungen als denen, mit denen der von Sombart zitierte 2 ) Rabbi die Frage beantwortet: „Welchen Wegsoll der Mensch wählen?“ Und die in den heidnischenTempeln auf gehangenen Votivtafeln derer, welche fürihre Errettung aus dem Schiffbruch Geschenke ver-sprochen hatten, sind sie nicht sinnfällige Belege fürdie vertragsmäßige Auffassung der Beziehungen zwischenMenschen und Göttern bei Griechen und Römern?
Das ist die Religion des Körpers, der Furcht. Wirnennen es Aberglaube. Die Edleren dagegen erkennen,daß dies nicht genügt. Er genügt nur, wenn der Menschsich selbst opfert. Er muß nicht bloß die Sündenstrafe,sondern das Unrecht selbst fürchten. Er muß seinetriebhafte Natur überwinden, sein Herz losmachen vomGenuß, das Gute um des Guten willen lieben, weil esallein das Gute ist. Das ist geistige Religion oderFrömmigkeit.
Zwischen diesen beiden Formen der Religion hatdie Menschheit hin und hergependelt, seit sie Gut undBöse zu unterscheiden gelernt hat. Der Aberglaubezieht an, weil er gegen Immoralität nachsichtig ist,indem er äußere Mittel, ihre Folgen abzuwenden, andie Hand gibt. Aber das edlere Empfinden bäumtsich dagegen auf und verachtet die äußeren Opfer alsGötzendienst. Alsdann treibt das Bewußtsein des Bösendazu, mit der ganzen Seele gegen die Triebe anzukämpfen.Der Kampf wird mit wechselndem Glücke gelührt. Nie