Druckschrift 
Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
Entstehung
Seite
451
Einzelbild herunterladen
 

Judentum und Kapitalismus

451

wird der Sieg völlig gewonnen. Der Kampf wird vonjeder Art von Gemütsbewegung abwechselnd begleitet,vom Gefühl der Erniedrigung und dem der Zuversicht, derVerzweiflung und der Hoffnung. Das Wesentliche iststets das Streben der besseren Natur, die niedere zubewältigen. Die Form dieses Strebens ist in den ver-schiedenen Perioden verschieden, je nach den Zeit-verhältnissen, dem Temperament der verschiedenenVölker, der jeweilig herrschenden Anschauung von derWeltregierung. Bald ist sie Enthusiasmus, bald Askese.Überall, wo der Mut vorhanden ist, für eine für heiliggehaltene Sache durch Verzicht auf persönlichen GenußOpfer zu bringen, ist es gegeben, so in der Askese derkatholischen Heiligen, so im Glauben an Christus.Es hat im Heidentum, Judentum und im Christentumjedweder Denomination die heiligsten Seelen hervor-gebracht.

So ist denn der Dualismus keineswegs eine spezifischjüdische, sondern eine allgemeine Religionslehre. Spezielldas Christentum aber hat in seiner Weiterentwicklungdurch die katholische Theologie seine dualistische Lehregar nicht unter dem Einfluß der jüdischen Religion,sondern unter dem des Platonismus ausgebildet.Plato zuerst, sagt Zeller 1 ), «hat es ausgesprochen, daß diesichtbare Welt nur die Erscheinung, und zwar die un-vollkommene Erscheinung, einer unsichtbaren sei, daßder Mensch aus dem Diesseits ins Jenseits flüchten,das gegenwärtige Leben als Vorbedingung für einkünftiges benützen solle; er hat jenen ethischenDualismus begründet, welcher in der Folgeder vorher schon in orientalischen Religionen und or-

*)Der Platonische Staat in seiner Bedeutung für die Folge-zeit. Vorträge und Abhandlungen geschichtlichen Inhalts vonEduard Zeller. Leipzig 1865, S. 74.

29 *