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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

um 1250 v. Chr., vom Stamme Rüben heißt, er sitzezwischen den Hürden, zu hören das Flöten hei denHerden, so hat dies mehr vom arkadischen Schäfer alsvom rastlosen Beduinen. Auch wird geradezu überseine Bedächtigkeit geklagt, die ihn abhalte, sich inden Kampf zu stürzen 1 ).

Anders die übrigen Teile des Landes Kanaan .Gewiß auch von Judäa hat Strabo 2 ) als einer Gegendgesprochen,die nicht beneidenswert ist, und derent-halben sich ja wohl niemand in einen ernstlichen Kampfeinlassen möchte, und diese Kennzeichnung wird vonden modernen Beobachtern bestätigt. Aber das giltnur für einen Teil von Judäa ; auch in diesem fandViehzucht, in dem übrigen Teil dagegen fand Wein-bau statt 3 ). Von den übrigen Gebieten Palästinas

alle diese Bemerkungen L ö h r s beziehen sich auf die frühereZeit, bevor Israel nach Ägypten gezogen war. Sie haben mit denZeiten nach Besitznahme des Landes unter Josua nichts zu tun.

*) Richter V, 16. Wegen dieser Hirtentätigkeit der öst-lich vom Jordan sitzenden Stämme kann man die Israeliten eben-sowenig Nomaden oder Halbnomaden nennen, wie etwa die heutigenBewohner der Lombardei, von denen ein Teil gleichfalls aus Schäfernam Südabhang der Alpen besteht, die umherschweifend ein schweresLeben führen (vgl. G o r i o, Die Milchwirtschaft in der Lombardei. Münchener Doktordissertation 1900) und im Herbst aus den Bergennach der Ebene ziehen. Und wenn Sombart aus den in der Bibelso häufigen Vergleichen des Verhältnisses von Gott zu den Menschenmit dem des Hirten zu seinen Schafen Schlüsse auf den nomadi-schen Charakter des Volkes Israel zieht, so finden sich diese Ver-gleiche ja noch ebenso in der katholischen Kirche von ihrer Ent-stehung bis heute. Würde er daraus, daß ihr der Papst der Ober-hirt und die Erzbischöfe und Bischöfe die diesem untergeordneteHirten der Christenheit sind, etwa auf den nomadischen Charakterder Katholiken schließen?

*) Strabo XVI; 2, 36.

') Vgl. den Jakobssegen, Gen. 49, 11, 12. Da heißt es:Er bindet an den Weinstock sein Eselfüllen und an die Edelrebedas Junge seiner Eselin. Er wäscht in Wein sein Kleid und in