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Die Denkschrift des Fürsten Lichnowsky : [der vollständige Wortlaut] ; meine Londoner Mission 1912 - 14, von Fürst Lichnowsky, ehemaliger deutscher Botschafter in London ; [zur Vorgeschichte des Krieges] / hrsg. von einer Gruppe von Friedensfreunden
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Die Engländer aber hat er stets schonend behandelt; er wusste, dass es soklüger war. Die alte Viktoria wurde von ihm besonders ausgezeichnet, trotz desHasses gegen die Tochter und gegen politische Engländerei, der gelehrte Beacons-field und der welterfahrene Salisbury umworben, und auch der sonderliche Glad-stone, den er nicht mochte, hatte sich eigentlich nicht zu beklagen.

Das Ultimatum an Serbien war die Krönung der Politik des Berliner Kongresses,der bosnischen Krise, der Londoner Konferenz; doch noch war die Zeit zur Umkehr.

Was vor allem zu vermeiden war, der Bruch mit Russland und mit England ,das haben wir glücklich erreicht.

Ein Blick in die Zukunft aus dem Jahre 1916. Polen, Belgien, Serbien , U-Bootkrieg.

Heute nach zweijährigem Kampfe kann es nicht mehr zweifelhaft sein, dasswir auf einen bedingungslosen Sieg über Russen, Engländer, Franzosen, Italiener ,Rumänen und Amerikaner nicht hoffen dürfen, mit dem Niederringen unsererFeinde nicht rechnen können. Zu einem Kompromissfrieden gelangen wir abernur auf Grundlage der Räumung der besetzten Gebiete, deren Besitz für uns über-,dies eine Last und Schwäche und die Gefahr neuer Kriege bedeutet. Daher solltealles vermieden werden, was denjenigen feindlichen Gruppen, die für den Kom-promissgedanken vielleicht noch zu gewinnen wären, den britischen Radikalen undden russischen Reaktionären, ein Einlenken erschwert. Schon von diesem Gesichts-punkte aus ist das polnische Projekt ebenso zu verwerfen, wie jeder Eingriff inbelgische Rechte oder die Hinrichtung britischer Bürger, vom wahnwitzigen U-Boot-Plane gar nicht zu reden.

Deutschlands Unglück: das Bündnis mit Oesterreich .

Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser. Richtig, also nicht in Polen und Belgien ,in Frankreich und Serbien . Das ist die Rückkehr zum Heiligen Römischen Reich,zu den Irrungen der Hohenstaufen und Habsburger . Es ist dies die Politik derPlantagenets, nicht die der Drake und Raleigh, Nelson und Rhodes. Dreibundpolitikist Rückkehr zur Vergangenheit, Abkehr von der Zukunft, dem Imperialismus, derWeltpolitik. Mitteleuropa ist Mittelalter, Berlin Bagdad eine Sackgasse, nicht derWeg ins Freie, zu unbegrenzten Möglichkeiten, zur Weltmission des deutschen Volkes.

Ich bin kein Gegner Oesterreichs oder Ungarns oder Italiens und Serbiens oder irgend eines andern Staates, sondern nur ein Gegner der Dreibundpolitik,die uns von unseren Zielen ablenken und auf die schiefe Ebene der Kontinental-politik bringen musste. Sie war nicht deutsche, sondern k. und k. Hauspolitik. DieOesterreicher hatten sich daran gewöhnt, das Bündnis als einen Schirm zu be-trachten, unter dessen Schutz sie nach Belieben Ausflüge in den Orient machenkonnten.

Das Ende des Krieges: England wird Afrika und alle lateinischen StaatenEuropas, darunter das erschöpfte Frankreich beherrschen.

Und welches Ergebnis des Völkerringens haben wir zu gewärtigen ? Die Ver-einigten Staateri von Afrika werden britisch sein, wie die von Amerika, Australien und Ozeanien. Und die lateinischen Staaten Europas werden, wie ich schon vorJahren sagte, in dasselbe Verhältnis zu dem Vereinigten Königreich geraten, wiedie lateinischen Schwestern Amerikas zu den Vereinigten Staaten . Der Angelsachsewird sie beherrschen. Das durch den Krieg erschöpfte Frankreich wird sich nur