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Die Denkschrift des Fürsten Lichnowsky : [der vollständige Wortlaut] ; meine Londoner Mission 1912 - 14, von Fürst Lichnowsky, ehemaliger deutscher Botschafter in London ; [zur Vorgeschichte des Krieges] / hrsg. von einer Gruppe von Friedensfreunden
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ihnen keine Rechenschaft schuldig ist, dass sie ihm aber, indem sie ihn öffentlichaburteilen, Rechenschaft über ihre Stellungnahme schulden.*)

Viel wichtiger aber für die Beurteilung des Wertes oder Unwertes der Schrift,als die Irrtümer, die schiefen Urteile, die Ungenauigkeiten und dergleichen ist dieunleugbare Tatsache, die gerade an den entscheidenden Stellen der Arbeit immerwieder auffällt, dass der Fürst sich als das Opfer gehässiger Verfolgungen fühlt,seinen eigenen Erfolg in den Mittelpunkt aller Geschehnisse stellt, und den Neid,mit dem man seinen Erfolgen begegnet, als die wesentliche Ursache wichtigsterEreignisse auffasst. Zweifellos war dem Fürsten bitteres Leid geschehen. Seine subjek-tive Einstellung zu der Zeitgeschichte ist daher so offenbar, dass es keiner besonderenBeschimpfungen gegen ihn bedarf, um die unvermeidlichen Rückschlüsse auf denWert seiner Arbeit zu ziehen. Wenn der Fürst die Weigerung der Berliner Regierung,das Kolonialabkommen mit England zu unterzeichnen, darauf zurückführt, dass dieRegierung ihm den öffentlichen Erfolg neidet, dieses Abkommen herbeigeführt zuhaben, ist es in der Tat selbstverständlich, dass man die Urteilsfähigkeit des Ver-fassers in diesem besonderen Falle bestreiten muss. Wenn der Fürst das Scheiternder Vermittlungsvorschläge damit begründet, dass die deutschen Machthaber esvorzogen, einen Weltkrieg zu entfesseln, anstatt ihrem Londoner Botschafter denErfolg der Mitarbeit am Friedenswerk zu gönnen, so ist es klar, dass auch in diesemFalle die ganze Darstellung der unmittelbaren Kriegsursachen, die Lichnowsky gibt,als belanglos für die historische Erkenntnis bezeichnet werden darf. Und desgleichenwird man ohne weiteres auch in weniger wichtigen Fragen die starke subjektive Ein-stellung des Erzählers in Betracht ziehen müssen. So zeigt sich Fürst Lichnowskyvon grosser Empfindlichkeit gegen alle Kritik von Seiten seiner Regierung, währender eine fast rührende Dankbarkeit für alle Zeichen der Freundschaft, die ihm vonenglischer Seite zu teil wurden, an den Tag legt. Menschlich ist das zu begreifen,aber politisch ? So berichtet er, dass Nicolson deutschfeindlich ist, glaubt aber,diese politische Haltung habe nichts zu sagen, weil der Unterstaatsekretär sichstets korrekt gegen ihn benahm. Er steht unter dem Eindruck der persönlichenLiebenswürdigkeit Greys, bewundert einen schlechten Witz, den vor Grey schonhundert gute Onkels in der Kinderstube ihrer Freunde machten, und folgert nunhieraus mit Entrüstung, dass Greys Gegner ihm Unrecht tun, wenn sie ihn einenpolitischen Ränkeschmied nennen. Das Urteil mag richtig sein, ist es auch offenbar.Aber die Beweisführung ist natürlich verkehrt. Der Krieg ist zwischen Deutschland und England ausgebrochen. Man erwartet nun an der betreffenden Stelle derDenkschrift irgend eine ernste sachliche Betrachtung. Der Fürst aber bleibt haftenan den Erinnerungen über den prächtigen Abschied, den man ihm bereitete. Erschreibt unter anderem:Ein Extrazug brachte uns nach Harwich , dort war eineEhrenkompagnie aufgestellt. Ich wurde wie ein abreisender Souverän behandelt.

*) Für einige Irrtümer ist der Fürst überhaupt nicht verantwortlich zu machen. So regte man sichdarüber auf, dass er in dem kurzen Fazit der Ententefarbbiicher als Datum der deutschen Kriegserklärungan Russland den 31. Juli angab! Man übersah dabei, dass Lichnowsky diese und die dazu gehörendenAngaben ausdrücklich als Ententedarstellung wiedergibt. Der Fürst wusste natürlich, dass die Kriegs-erklärung erst am 1. August stattfand. Dieirrtümliche Datumsangabe unterstreicht also gerade dieschon ohnehin klar gekennzeichnete Tatsache, dass jene Zusammenfassung nicht auf den Feststellungen desFürsten beruht, sondern die Ententedarstellung resümiert. Hätte der Fürst selbst die Schuldfrage zu-sammengefasst, so würde er selbstverständlich nicht die den Ententequellen unterlaufenen Irrtümer mit-gemacht, sondern an der betreffenden Stelle den 1. August als Tag der Kriegserklärung angegeben haben!Wir haben hier ein besonders charakteristisches Beispiel für die Leichtfertigkeit, mit der Lichnowskyangegriffen wurde.