Im Falle Lernet-Holenia ist indessen weniger von Bedeutungdie Frage: Liegt Plagiat vor oder nicht? Man kann sie bejahenoder verneinen, je nachdem, welche Anforderungen man an denBegriff „Plagiat" stellt. Darüber hinaus handelt es sich hier umdie wichtige Entscheidung der Frage: Soll Literatur in Zukunftnoch Literatur bleiben, oder ist sie auch nur nichts weiter alsein industrielles Geschäft, bei dem der Unternehmer, wie einSchneider Heimarbeit, Teile einer literarischen Aufgabe bruch-stückweise im Werkvertrag vergibt? Wir haben diesen Fall,der seinerzeit viel Staub aufwirbelte, schon früher gehabt, näm-lich die Plagiatsaffäre Meißner-Hedrich.
Alfred Meißner (1821—1885), heute bekannter durchseine Freundschaft mit Heinrich Heine als durch seine überausreichhaltige literarische Produktion, die mit Recht vergessenist, war doch seinerzeit ein viel gelesener Schriftsteller, undseine Werke zierten jede Leihbibliothek. Wenn auch seinSchaffen nicht mehr unserem Zeitgeschmack entspricht, sohätte er doch ein anderes Schicksal verdient, als ihm be-schieden wurde. Das Unglück wollte es, daß er in die Händeeines gemeinen Erpressers fiel, der, kleine UnvorsichtigkeitenMeißners ausnützend, letzterem schließlich die Waffe zumSelbstmord in die Hand drückte. Wenn er auch von seinerschweren Verletzung gesundet wäre, so ist doch die Hirnhaut-entzündung, an der er bald darauf endete, auf die jahrelangenAufregungen zurückzuführen, die ihm durch den genanntenErpresser bereitet wurden.
Vier Jahre nach seinem Tode (1889) veröffentlichte ein ge-wisser Franz Hedrich , trotz seines deutschen NamensTscheche von Geburt, eine Anklageschrift „Alfred Meißner —Franz Hedrich" von Frz. Hedrich (Berlin, Otto Janke ), inwelcher er die Behauptung aufstellte, daß folgende Romanesein ausschließliches Eigentum seien: „Zwischen Fürst undVolk" — „Sansara" — „Zur Ehre Gottes" — „Schwarzgelbund Babel" — „Neuer Adel" — „Kinder Roms". Seine ge-schickten Darstellungen sollten den Eindruck erwecken, als ober über 30 Jahre lang die ganze literarische Produktion Meiß-
59