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Herr von Bismarck : Aus dem Französischen übertragen von K. A. Von dem Verfasser durchgesehen und bis auf die neueste Zeit fortgesetzt / von Ludwig Bamberger, Mitglied des Zollparlaments
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In der Blüthezeit der Renaissance wurde der gelehrte DruckerEstienne Dolet gemäß Urtheils des Pariser Parlaments auf der Place

ist jenseits des Rheins nicht die wirksamste der Zauberkräfte. Darum kann ichmir ein Reich denken, welches, obschon mit dem Zündnadelgewehr gegründet, dochnicht ganz im Militarismus aufgehen würde. Trotz ihm blieben noch andere Kräfteals das Schwert. Schwerer zu berechnen ist, was aus dem unermeßlichen teuto-nischen Stolz werden wird, wenn ihm Nichts im Wege steht und er von der Höheseiner neuen Siege herab die lateinischen Nationen wie ebenso viele Zwerge amFuße einer festen Burg erblickt. Ich sehe dann für diesen großen Körper die Ge-fahr der Selbstgefälligkeit. Wohin möchte sie ihn nicht verleiten? Wenn er zu-gleich an's baltische Meer und an die Donau anrühren wird, welche Gedanken,welcher Ehrgeiz wird da nicht in dem Riesen erwachen? Wie wird er der Verblen-dung entgehen? So gewaltig und so neu, welche Versuchung sich nun seinerseitsmit der Welt zu messen und, aus dein Reich der Träume hinaustretend,nach Königreichen mit Händen zu greifen? Mit einer eisernen Stirnwehr vonHolstein bis Tyrol, kommt es schwer an, nur bescheidene Gedanken zu hegen unddarauf zu verzichten, daß man den Arm über den Rhein hinüber ausstrecke. Selbstwenn die Mäßigung den Sieg davon trüge, wer würde daran glauben wollen?Wie oft wird nicht Frankreich aus dem Schlaf auffahren, vermeinend die Tritteseines riesigen Nachbars zu hören! Oder gar wenn es ohne Vorsichtsmaßregel ein-schläft, so wird dies das Zeichen einer tätlichen Abspannung sein, und welche Ver-suchung alsdann für die deutsche Welt, daraus Vortheil zu ziehen! So ist in allenFällen die Gefahr für uns gleich groß. Ob sie nun in den Einbildungen oder inder Wirklichkeit vorhanden sind, darauf kommt wenig an, die Gegenwart scheintder Zukunft unausbleibliche Stürme vermacht zu haben."

Mit diesen Worten schließt Quinet das, was er den deutschen Gesichtspunktnennt und geht zu dem französischen Gesichtspunkt über. Er schildert in seinermalerischen, erschütternden und doch natürlich fließenden Sprache, wie sichFrankreich ganz unvorbereitet im Geiste von der mächtigen Schicksalswendung habeüberraschen lassen. Er warnt davor, sich dem Gedanken hinzugeben, daß das neuegermanische Reich dem Westen zum Schutz zwischen ihn und den Osten getretensei. Deutschlands Sympathien, sagt er, gehen noch immer nach Rußland hin, andessen Seite es bei Leipzig gesiegt, und seinen alten Groll gegen Frankreich sei esnoch nicht los geworden. Keine Rettung denkbar gegen die Gefahr, die für Frank-