48Z^ Geldgeschäft der Messe. Neueres Marktwesen. 25
Waren die Jahrmärkte die älteste Form des Marktes, ihre größere Ausbildunggehört doch erst der Zeit vom 14.—18., die Hauptblüte der Messen noch spätererZeit an. Die Messe in Frankfurt a. O. hatte erst 1854—55 ihren größten Umschlag,die in Nishnij-Nowgorod wuchs noch bis 1882, ging erst von da an zurück. Diegewöhnlichen Wochen- und Jahrmärkte haben bis in die neueste Zeit in Ländern wieRußland zugenommen, sie sind nirgends so zahlreich wie in Ländern, die auf derStufe des westeuropäischen Mittelalters heute sind, z. B. in Nordafrika , in Arabien.
Das Maß von Arbeitsteilung und Verkehrstechnik, wie sie vor den Posten, Eisen-bahnen und Telegraphen vorhanden waren, bildet die Borbedingung für dieses ältereMarktwesen, mit seiner sesten Rechtsverfassung, seiner Konkurrenzregulierung, seinemKamps gegen den Zwischenhandel, seiner Zerlegung aller Geschäfte in bestimmte, zeitlichund örtlich geschiedene Sphären. Die Einrichtungen schufen ein im ganzen loyalesGeschäftsleben, aber auch viele hemmende Schranken des Verkehrs, die vom Eigennutzsehr mißbraucht werden konnten, den fortschreitenden Verkehr, die höhere Ausbildungder Arbeitsteilung hinderten. Sie wurden von den Vertretern des Fortschritts längstbekämpft, mußten im 19. Jahrhundert nach und nach zu einem großen Teil fallen.
154. Das Marktwesen der neueren Zeit. Den Umschwung zu anderenVerhältnissen bezeichnet es, wenn ein Franzose schon gegen 1700 Holland preist, daß esohne Messen auskomme, weil das ganze Land jahraus und jahrein den Handel habe, zu demandere Staaten sich nur periodisch in ihren großen Jahrmärkten aufschwängen. UndTurgot meint, Messen seien kein Zeichen blühenden, sondern gefesselten, mittelmäßigenVerkehrs. Röscher führt das ganze ältere Marktwesen darauf zurück, daß der ältereVerkehr zu dünn und schwächlich, um das ganze Jahr und überall hin zu fluten,gleichsam der örtlichen und zeitlichen Aufstauung durch allerlei Mittel und Schrankenbedürfte, um zu blühen. Ich möchte sagen, so lange Briefverkehr, Post, kaufmännischePresse, Chausseen und Eisenbahnen sehlten, die Bevölkerung nicht zahlreich war undzerstreut wohnte, konnte der mäßige Verkehr des persönlichen Zusammenkommens der Käuferund Verkäufer, der Warenbesichtigung nicht entbehren, konnten die zahlreichen, kost-spieligen Mittelglieder des Zwischenhandels, welche heute die Märkte vielfach überflüssigmachen, nicht entstehen. So lange alle politischen Körper klein waren, fast nur Stadt-und Kantonstaaten bestanden, konnte auch nur eine im ganzen lokale Marktorganisationund -Ordnung existieren. Wenn es von 1500—1850 nach und nach anders wurde, sohatten daran die verbesserte Verkehrstechnik, der Briefverkehr, die Seeschiffahrt, dieKanäle, die besseren Wege, die Scheidung der Transportgewerbe vom Handel, dieZunahme der Geschäfte auf den Messen ebenso viel Anteil, wie die moderne Staaten-bildung, welche einheitliche Märkte innerhalb der entstehenden Außenzolllinien herzu-stellen suchte. Die wachsende Größe und die centralistische Verfassung und Verwaltungder Staaten schuf oder erleichterte eine interlokale Arbeitsteilung und einen großeninnerstaatlichen und internationalen Verkehr, beides freilich zunächst nur für die trans-portabelsten Waren, wie Gewebe, feinere Manusakte, Kolonialwaren. Im übrigenblieben der lokale Markt und die Grundzüge seiner Verfassung bis gegen 1850 ziemlichunverändert. Der sich ausbildende Handel blieb 1600—1850 in seine zahlreichenStationen zerteilt; weil er komplizierter wurde, bildete er die Hülfsorgaue, Spediteure,Makler, Kommissionäre etwas weiter aus, schied sich in verschiedene Arten von Groß-und Kleinhändler, wurde in dem Maße einflußreicher und gewinnreicher, als er meistnoch korporativ organisiert, sich die Konkurrenz nicht all zu schwer fernhalten konnte, dasgroße verkaufende und einkaufende Publikum ohne Kenntnis der vergrößerten Märkteund der komplizierten Handelseinrichtungen blieb.
Erst im neunzehnten Jahrhundert und hauptfächlich in seiner zweiten Hälftewurde das Marktwesen definitiv ein anderes. Für immer mehr Waren bildeten sichan Stelle der lokalen die provinziellen, nationalen und Weltmärkte, oder vielmehr diefortbestehenden kleineren Märkte kamen mit den größeren in solche Berührung, kamenin solche Abhängigkeit von ihnen, daß sie ihre Selbständigkeit und damit auch ihre alteVerfassung ganz oder teilweise verloren. Der Bries- und telegraphische Verkehr, die