26 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlauses u. der Einkommensverteilung. ^'484
Reisemöglichkeit, die zunehmende Verwandlung specialisierter in typische Durchschnitts-oder gar fungible Waren, die Erleichterung für einen Kauf nach Probe, die Wirksamkeiteiner ausgebildeten, kaufmännischen Presse ermöglichten in steigendem Umfang großeund kleine Geschäfte ohne persönliches Zusammenkommen, ohne Besichtigung der Waren.Der Bauer verkauft nun an herumreisende Agenten, statt auf den Markt zu fahren,die Hausfrau kauft im Laden, statt auf dem Wochenmarkte; der Großhandel und dieFabrik hatten von 1800, noch mehr von 1850 ab ihre Reisenden, sogar die städtischenGeschäfte ihre Stadtreisenden. Der Detaillist der kleinen Stadt kauft nicht mehr aufden Messen, sondern vom Grossisten der großen Stadt oder vom Agenten der Fabrik.Der meiste Verkehr dauert nun das ganze Jahr hindurch, die Schiffe gehen Winterund Sommer. Die Ansammlung von Angebot und Nachfrage an bestimmten Ortenund zu bestimmter Zeit ist viel weniger notwendig; Handelsstatistik und Handels-nachrichten orientieren über Aus- und Einfuhr, Bestände der Lagerhäuser, Größe vonAngebot und Nachfrage. Diejenige Freiheit des Verkehrs, welche einstens der fremdeKaufmann nur auf der Messe, der fremde Handwerker nur auf dem Jahrmarkt gefunden,hat die Gewerbesreiheit, das moderne Fremden- und Völkerrecht heute ziemlich, allgemeinallen Staatsbürgern innerhalb des Staates, meist auch den Fremden aus den Nachbar-staaten eingeräumt. Auf dem Wochenmarkte darf der Zwifchenhändlcr nicht mehrgegenüber dem aus erster Hand verkaufenden Banern und Gärtner benachteiligt werden;die alten Vorkaufsverbote sind beseitigt.
Kein Wunder, daß die liberalen Theoretiker, die für die Segnungen des unbedingtfreien Verkehrs schwärmen, welche in den alten Marktordnungen nur falsche Schranken,falsche Bevorzugungen des UrProduzenten, des örtlichen Bürgers sehen, welche in jedemweiteren Zwischenhändler einen Absatzbringer und Vollender des harmonischen Vcrkehrs-mechanismus erblicken, 1840—70 erklärten, alle Märkte und Messen müßten verschwinden,sie seien veraltete Institutionen, die nur Zeit und unnötige Wege kosteten. Ohne allebesonderen Zusammenkünfte, ohne Waren- und Menschenansammlung, ohne alle obrig-keitliche oder gesellschaftliche Anordnungen darüber spiele sich der Handelsverkehr ambesten von selbst ab. Und doch ist dies nur teilweise wahr. Gewisse Märkte undMarktarten gehen gewiß zurück, andere aber erhalten sich und bilden sich neu. Soweitder Markt als zeitlicher und örtlicher, obrigkeitlich geordneter Versammlungsortverschwindet, erhält er sich als Komplex geographisch verbundener Verkehrsbcziehuugenmit gewissen gemeinsamen Einrichtungen doch und bildet sich auch vielfach in neuerWeise aus.
Die Ursache ist einfach. Die durch regelmäßigen Verkehr verbundenen Käufer undVerkäufer bilden mit ihrem Hülfspersonal eine psychische und materielle Einheit, siehaben Gefamtinteressen, ihr Geschäftsleben bedarf gewisser gemeinsamer Verabredungenund Regulierungen. An vielen Stellen ist auch das althergebrachte Zusammenkommen, derMarkt und seine Vermittelung im alten Sinne als konventionelle Ordnung regelmäßigzusammenkommender Geschäftsleute nötig. Die Verkehrserleichterung ist keineswegs überalldieselbe, sie hat nicht jedem zu Hause bleibenden Käufer und Verkäufer ohne weitereseinen Gegenkontrahenten verschafft. Die vermehrte Waren-, Markt- und Geschäfts-kenntnis hat sich nicht gleichmäßig über alle Kreise der Gesellschaft verbreitet. Derverbesserte Nachrichtendienst besagt teilweise nur den ersten nnd reichsten Geschäftshäusern,nicht den kleinen Leuten, nicht der Hausfrau, wo man am besten ein- und verkauft.Für viele Gefchäfte bleibt perfönliche Aussprache, Prüfung der Ware Bedürfnis. Sostehen sich heute naturgemäß die zwei entgegengesetzten Tendenzen gegenüber. Mit derAusbildung der Korrespondenz, der wirtschastlichen Kenntnisse, der Verkehrsmittel wächstdas Geschäftsleben außerhalb des eigentlichen Marktes; aber mit der Zunahme desVerkehrs im ganzen, mit der Ungleichmäßigkeit der erwähnten technischen Fortschrittewird der Marktverkehr im engeren Sinne ebenfalls an gewissen Stellen wieder gesteigert,er wird an Stelleu nötig, wo er früher fehlte. Je mehr der Zwifchenhandel zunimmtund die Kenntnis der Absatzwege nun als sein Geheimnis hütet, desto notwendigerkann es teilweise für Produzent und Konsument werden, auf einem Markte selbst