36 Trittes Buch, Ter gesellschaftliche Prozeß des Güterumläufe- u. der Einkommensverteilung. s494
ausgebildet, machte im 17. und 18. dann weitere Fortschritte, ist aber zu seinem großenEinfluß erst im 19. gekommen. Der Kommissionär ersetzt dem Kaufmann seine An-wesenheit am fremden Ort. Die Fabrikanten und Grossisten haben den Export haupt-sächlich dadurch ausgedehnt, daß sie an Kommissionshäuser in der Fremde Ware „inKonsignation", d. h. mit Verkaufsauftrag zu bestmöglichem Verkauf sandten; dieseließen dann von den Versendern sofort Wechsel bis zu zwei Drittel des Wertes aufsich ziehen; den Rest bezahlten sie nach dem Verkauf. Auch der Welthandel in Getreideund Baumwolle bildete sich so durch Konsignation aus. Die Kommissionshäuser be-herrschen heute den großen Viehhandel; sie spielen im Bank- und Kreditgeschäft eineerhebliche Rolle.
Der Spekulationshandel, obwohl in gewissem Sinne längst vorhanden, istdas eigentlichste und eigentümlichste, aber auch das angefochtenste Ergebnis der neuerenHandelsentwickelung. Er tritt im Waren-, Effekten- und Kredithandel, sowie imGründungsgeschäft am meisten auf, zeigt sich auch im Grundstücks- und Baugeschäft,wie überhaupt auf allen Geschästsgebietcn. Man wird unter ihm im weiteren Sinnenicht bloß den vom Vorratshandel getrennten Terminhandel mit Waren und Effektenan der Börse, sondern alle gewagten Geschäfte verstehen, die für ferne Zeiten oder fürferne Orte, oder für beides zugleich in Erwartung großer Gewinne gewagte Auf-wendungen machen, kaufen oder verkaufen, mit der Absicht, künftig wieder zu verkaufenoder zum Zweck der Lieferung eines schon verkauften Objekts zu kausen. Ein aus-gebildetes Nachrichtenwesen, das über die ganze Erde täglich die neuesten, auf denMarkt und die Preisbildung bezüglichen Nachrichten vermittelt, hohe Kreditcntwickclung,große Kapitalmassen sind die Voraussetzungen des Spekulationshandels.
Die heutige Versorgung mit Gütern, die Monate und Jahre im voraus dieProduktion vorbereitet und im Gange hält, nötigt zu gewagten Zukunftsgeschäften.Auf früheren Kulturstufen mit bloß lokalem Verkehr und einer Güterversorgung vonWoche zu Woche konnte man den Verkauf von nicht gewachsenem Korn wie alle ähn-lichen gewagten Zukunftsgeschäfte verbieten; man sah das ungewisse, waghalsige Spielmit dem Schicksal, das in solchen Geschäften liegt, als unsittlich an. Auch heute liegtin allen Geschäften für ferne Zeit und große Entfernungen eine Art Hasardspiel; aberwir können solche Geschäfte nicht entbehren, wenn wir nicht darauf verzichten wollen,die Warenvorräte der verschiedenen Zeiten und Länder untereinander auszugleichen.Und daraus beruht heute der Welthandel und die Gleichmäßigkeit der Preise. Wirsehen freilich klar, wie bei vielen Spekulationsgeschäften die Möglichkeit vorliegt, daßein Irrtum benutzt, ja künstlich hervorgerufen wird, wir sehen, daß der Gewinn deseinen nur durch den Verlust des andern entsteht, daß Phantasie und Leidenschaften desLaicnpublikums durch die großen Gewinnchancen künstlich ausgestachelt, zur Teilnahmeverführt werden, und daß dieses dann schamlos ausgebeutet wird. Aber deswegenkönnen die Spekulationsgeschäste nicht schlechtweg verurteilt werden, sondern es kannund muß nur versucht werden, sie unter die Kontrolle der Öffentlichkeit zu stellen,gewisse unbemittelte, nicht sachkundige Personenkrcise ihnen fernzuhalten.
Der Terminhandel der Börsen ist aus dem Lieferungsgeschäft für einenkünftigen Zeitpunkt entstanden, wie es sür den örtlichen und zeitlichen Ausgleich derWarenmengen, zumal zwischen verschiedenen Ländern und Erdteilen in unserer Zeitmehr und mehr sich notwendig zeigte. Wir haben oben schon auf seine Notwendigkeithingewiesen (II, S. 30). Große Geschäfte in Getreide z. B. waren viel leichter ohne zuerhebliche Gefahr möglich, wenn der Käufer bei niedrigem Preist Vorräte, lieferbar insechs Monaten, im voraus kaufen konnte. Produktion und Verfrachtung waren vieleher in großem Stil zu organisieren, wenn die Verkäufer sich durch Verkauf auf Monateim voraus einen Preis sichern konnten. Ein großer Markt, ein lebendiges Geschäftauf ihm war viel leichter zu schaffen, wenn man den Lieferungsgeschäften die Formdes Terminhandels gab. Damit war es möglich, daß zwischen die reellen Verkäuferund Käufer eine Summe von Leuten als Zwifchengliedcr trat, die nicht liesernund empsangen, sondern nur in der Zwischenzeit während der Dauer des Lieferungs -