Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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W Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. s52(>

die Technik wenig entwickelt war. Auch eine Anordnung der Gemeinde oder des Fürsten über sie war kaum nötig, da die Sitte und die gleichen Namen in der Sprache aus-reichten, ungefähr gleich Großes gleich zu benennen.

Mit höherer Technik, größerem Verkehr und dem Bedürfnis der besseren Zeit-messung wurde das aber anders. Ob nun die Gestirnbeobachtung und das Bedürfnisder Jahreseinteilung in Zusammenhang mit den Anfängen der Mathematik, oder dasBedürfnis der Feldmeßkunst, wie es vor allem in den jeweilig überschwemmten Niede-rungen des Nils und der Ströme des Pendschab sich geltend machte, oder die Fortschritteder Baukunst oder die des Metallverkehrs das treibende Motiv waren, ob, wie wahr-scheinlich, diese Ursachen nebeneinander und zusammen wirkten, wollen wir nicht unter-suchen ; sicher ist, daß zuerst bei den hochkultivierten Völkern Vorderasiens, hauptsächlichbei den Babyloniern und Assyrern, sowie bei den Ägyptern aus diesen bunt gemischten,durch die Sitte vereinheitlichten Naturalmaßen Systeme einheitlicher, konventionellerMaße und Gewichte heraus sich entwickelten, welche von Priestern und Regierungen aufGrund großer technisch-mathematischer Kenntnisse ersonnen, auf in Tempeln niedergelegtenUrmaßen und -Gewichten basiert, den Versuch machten, in größeren Kreisen und ganzenStaaten durch das Verbot anderer Maße, die gleichmäßige Anwendung der so her-gestellten Maße und Gewichte zu erzwingen.

So sehr sich diese erste Schaffung eines konventionellen, staatlich geordneten Maß-und Gewichtssystems, ohne Zweifel an die bestehenden Sitten und Naturalmaße anschloß,so groß war doch der Fortschritt. Alle Naturalmaße konnten nur grobe, ungefähreQuantitätsvorstellungen erzeugen; ewig wechselnd und unsicher gestatteten sie keine höhereTechnik, keine Sicherheit der Ackerbesitzer, keine Treue und Ehrlichkeit im Verkehr. Sieentwickelten sich an jedem Orte, in jedem gesellschaftlichen Kreise anders. Es gab keinMittel, sie zu prüfen, zu kontrollieren, ihren Wandel in der Zeit zu hindern. Siestanden unter sich in keinem Zusammenhang: das Längenmaß nicht mit dem Flächen-maß, beide nicht mit dem Gewicht. Für alle drei Messungsausgaben entwickelten sich,so lange man nur Naturalmaße hatte, je nach den Waren und Bedürfnissen, die ver-schiedensten Gewichte, Längen- und Flächenmaße neben einander. Erst ein offiziellesund konventionelles Maß- und Gewichtssystem konnte alle diese Übelstände beseitigen,aber seine Entstehung war so wenig leicht wie seine Durchsührung. Es setzte einen sehrhohen Stand des Wissens und Könnens bei den Priestern, eine sehr starke, energischeStaatsgewalt voraus. Es handelt sich dabei um einen der stärksten Einschnitte in diewirtschaftliche Freiheit, um eine der maßgebendsten Regulierungen alles Verkehrs, allerTechnik im Gesamtinteresse der Gesellschaft. Die große Neuerung hat sich überall nurlangsam gegenüber den Naturalmaßen und der Ortssitte durchsetzen können. Aberwo ein solches System auch nur einigermaßen Platz griff, da gab es nun feste, sichere,gleichmäßige, nach gewissen Urmaßen immer wieder zu kontrollierende Maße und Ge-wichte. Es war damit die erste Voraussetzung sür alle höhere Technik, ihre Über-lieferung und Durchführung, für allen Verkehr und Handel erfüllt; es war das größteMittel, um Streit, Übervorteilung, Täuschung auf dem Markt zu beseitigen, die Ehrlich-keit in Handel und Wandel, zwischen Grundherrn und Leibeigenen zu sördern. Eskonnten.nun die verschiedenen Maße für Gewichte, Länge, Fläche, Hohlmaß, inrichtige Übereinstimmung gebracht werden. Es war, wie die Sprache, ein Hauptmittelder Vergesellschaftung und gesellschaftlichen Vereinheitlichung weiterer Kreise. Es istbei der Durchführung ohne harten Zwang und Strafe niemals abgegangen. Wir könnenbei jedem Volk den ersten großen Sieg des konventionellen Systems in den beginnendenStrafen sür falsches Maß und Gewicht beobachten.

Die historisch erste Durchführung eines solchen Systems wird man neben derBildung der chaldäischen Priester der despotischen Allgewalt der asiatischen Großkönigezuzuschreiben haben. Wenn vr. Lehmann recht hat, so zeigte das babylonische Maß-und Gewichtssystem vor 5000 Jahren in seiner Anlage dieselbe innere Einheit, welchedas heutige metrische System auszeichnet: das Zehntel der babylonischen Doppelellewar die Basis des Hohlmaßes, dessen Wassergewicht die Mine als Grundgewicht ergab.