Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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64 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufcs u. der Einkommensverteilung. ^522

Pflichten bewußte Staatsgewalt sich wieder bildete, hat sie Versuche der einheitlichenOrdnung gemacht. Die Fürsten der großen deutschen Territorien haben Anläufe indieser Richtung seit dem 16. Jahrhundert, die Könige von Frankreich seit Ludwig XI. unternommen. In Preußen freilich wagte erst Friedrich Wilhelm I. für die MarkBrandenburg 1713, erst Friedrich H. für Schlesien 1751 Maß und Gewicht der Haupt-stadt der ganzen Provinz aufzuzwingen. Viele solche Gesetze sind lange auf dem Papiergeblieben, wie selbst das neue metrische System in Frankreich weder von der Revolution,noch von Napoleon I. , sondern erst von Louis Philipp 183740 wirklich ganz durch-geführt wurde. Die meisten deutschen Staaten haben je für sich einheitliche Maß- undGewichtssysteme erst von 180658 erhalten; das niederösterreichische Maß wurde erst1858 in den anderen Kronländern Österreichs eingeführt. Um welchen Wirrwarr essich da handelte, zeigt die Thatsache , daß das badische Gesetz vom 10. November 1810112 verschiedene Ellen, 92 verschiedene Flächen- und Feldmaße, 65 verschiedene Hohl-maße, 163 verschiedene Fruchtmaße, 123 verschiedene Ohm- und Eimermaße, 63 ver-schiedene Wirts- und Schenkmaße und 80 verschiedene Psundgewichte beseitigte (Hauschild).Es gab in Deutschland Ellen Von 5583 Centimeter, Scheffel von 23 bis über200 Liter. In der Handels- und Meßstadt Frankfurt a. M. gab es 1800 noch 13ganz verschiedene Gewichte für verschiedene Waren. In England waren nach demReport von 1862 noch Bushel von 40488 Psd. und Ruthen von 16,536 Fuß imGebrauch.

Immer darf man nicht vergessen, daß der ältere Zustand erträglich war, so langeder Verkehr ein ganz überwiegend lokaler blieb, und so lange die vorhandenen Maßeund Gewichte, ganz mit den lokalen Sitten verwachsen, allgemein durch eine strengeÜberwachung, durch allerlei Zunft- und Marktkontrollen in der Anwendung garantiertwaren. Seit aber der Verkehr und die interlokale Arbeitsteilung so sehr wuchsen, undseit zugleich mit der Gewerbefreiheit auch eine erhebliche Zahl der alten Kontrollenalles Verkehrs fielen, wurde der Zustand inimer unerquicklicher, wurde die Vereinheit-lichung des Maß- und Gewichtssystems für größere Staaten und Staatenvereine, sowiedie durch besondere Verwaltungsbehörden, Polizei und Strafe zu garantierende Durch-führung technisch vollendeter Maße und Gewichte eine volkswirtschaftliche Lebensfrage.

In Deutschland hatte zuerst das preußische Gesetz vom 16. Mai 1316 für eingroßes Gebiet diese Ziele ins Auge gefaßt, hatte die wichtigsten Maßgrößen einheitlichfür den preußischen Staat festgesetzt, die Herstellung guter Urmaße angeordnet, dieOrganisation der Aichungsbehörden, denen die Durchführung und Kontrolle obliegt,vorgefchrieben und die entsprechenden Vorschriften über die Verwendung der Maße undGewichte im öffentlichen Verkehr gegeben. Seit dem Zollvereinsvertrag erstrebte maneine Vereinheitlichung für die Zollvereinsstaaten und Deutschland an; man einigte sich1837 und 1857 über ein einheitliches Münzgrundgewicht, 1839 über das gemeinsameZollgewicht, das später zugleich einheitliches Post- und Eisenbahngewicht und 1857bis 1860 auch meist Landesgewicht wurde. Nach Gründung des Norddeutschen Bundes gelangte man am 17. August 1868 zur einheitlichen Maß- und Gewichtsordnung, dieheute besteht, deren Durchführung durch eine Reihe von Landes- und Bundes-, resp.Reichsgesetzen und Verordnungen garantiert ist. Man hat dabei in der Hauptsachedas metrische System adoptiert, das in Frankreich 17891803 in der Meinung ent-standen ist, man habe in seiner Grundlage, dem Meter, ein unveränderliches Naturmaß,ein Zehnmillionstel des Erdquadranten. Spätere Messungen haben gezeigt, daß diesnicht richtig ist. Aber die inneren Vorzüge des einheitlichen Systems, das aus demMeter zugleich alle Flächenmaße und aus dem mit Wasser gefüllten Cubus des ZehntelMeters Hohlmaß und Gewicht, Liter und Kilogramm herstellte, und das durch dieseEinheit und seine decimale Anordnung alle Rechnung so sehr erleichterte, hat zu seinerEinführung in mehreren hauptsächlich romanischen Ländern, dann in Deutschland , zuseiner teilweisen Benützung in allen Ländern geführt. Und seit es 1875 gelungen ist,ein internationales Institut für Maße und Gewichte in Paris ins Leben zu rufen, dasallen beteiligten Staaten ganz zuverlässige und präcise Urmaße und Gewichte liefert,