Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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86 Drittes Buch. Tcr gesellschaftliche Prozeß des Güterumlauses u. der Einkommensverteilung. ^544

Als man in Deutschland von 1857 an Goldkronen von 10 Grammen Prägte, nahm sieniemand, weil sie kein sestes Wertverhältnis zur vorherrschenden Silbermünze hatten.Man kann nur mit Münzen rechnen, die einen festen Nennwert haben, die einfacheTeile oder Vielsache von einander sind. In jedem Münzsystem muß eine Hauptmünzeden Ausgangspunkt des Rechnens bilden; ist sie von Silber und herrscht die Silbcr-münze vor, so muß die Kupfer- und Goldmünze ihren sesten Wert nach ihr, ist sievon Gold, so muß die Kupfer- und Silbermünze ihn nach diesem erhalten. DieseHauptmünze wird stets in den Gedanken der rechnenden und kaufenden Menschen zumfesten Wertmesser; mag diese Münze im Laufe der Jahrzehnte selbst im Wert schwanken,die Menschen denken sie sich als das Feste, Unveränderliche ihres Wertbewußtseins;was Ware ist, wird im Wert ihr gegenüber schwanken können, das ist die Natur derWare; was aber Geld ist, darf ihr gegenüber nicht im Wert schwanken; sonst thut eskeinen gehörigen Gelddienst. Daher das absolute Bedürfnis, in jedem Münzgesetz denNennwert der gesetzlich zugelassenen Münzen fest gegeneinander zu normieren.

Durch diese Fixierung des Nennwertes jeder Münze ergiebt sich nun aber auchdie große Schwierigkeit aller Anwendung verschiedener Metalle in demselben Münzsystem.Man fetzte 4,5 Gramm Silber (des l-Francstückes) gleich 0,29 Gramm Gold (V20 desgoldenen 20-Francstückcs) im französischen Münzgesetz von 1803, weil gegen 1800 Goldzu Silber wie 1:15,5 stand. Derartig gleichgesetzte Münzen oder Edelmetallauantitätcncirkulieren ohne Schwierigkeit zu solchem festen Nennwert nebeneinander, so lange dasWertverhältnis dasselbe bleibt, oder so lange die Änderung nicht bemerkt wird oder nichtvom Handel benutzt werden kann. Ändert sich aber dieses Verhältnis, oder fallen dieerwähnten Bedingungen weg, fo wird mit jeder Wertsteigerung des Goldes auch jedeGoldmünze in Silber, mit jeder Wertsteigerung des Silbers jede Silbermünze in Gold wertvoller, erhält ein sogenanntes Agio, erfüllt nicht mehr die wahre Funktion einerMünze, in festem klarem Wertverhältnis zu den übrigen Münzen zu stehen. Wo nunaber ein entwickelter Handelsgeist diese Wertdifferenzen bemerkt, wird jeder, der Zahlungenzu machen hat, soweit dies nach der Art und Menge der Münze möglich ist, nur dieim Münzgesetz übertarifierte, im Verkehr gegen den Nennwert wertloser gewordeneMünze zu solchen verwenden, die wertvoller gewordene im Münzgesetz untertarifiertedagegen zurückhalten, ein Agio für sie fordern, sie im Auslande, wo ihn kein Münz-gesetz an der Ausnutzung des höhereu Wertes hindert, auszugeben suchen. Die letzteFolge ist, daß, soweit der Handel verschiedener Länder untereinander den Abfluß ge-stattet, stets bei jeder Wertänderung das Land seine Gold- oder seine Silbcrcirkulationverliert. Und schon die geringen Änderungen von 1 oder 2 Prozent, welche die Münz-gesetzgebung nicht beachtet, genügen in neuerer Zeit dazu. Solche Schwankungen tretenaber stets wieder ein; nur vorübergehend für ein paar Jahre oder Jahrzehute hat sichein vom Münzgesetz angenommenes festes Wertverhältnis auf dem Weltmarkt erhalten.

Über das Wertverhältnis und die Wertfchwankungen der beiden Metalle imAltertum und im Mittelalter bis gegen 1650 wissen wir freilich bis jetzt nichts ganzSicheres, so daß eine ganz klare Erkenntnis der damaligen Währungszustände unmöglichist. So viel aber läßt sich doch erkennen oder wahrscheinlich machen, daß häufig vonder Zeit an, da ein entwickelter Handelsgeist und Metallhandel vorhanden und wirksamwar, das Nebeneinanderbestehen von Gold- und Silbermünzen zu bestimmtem Nennwertauch früher die eben gefchilderten Folgen, hauptfächlich die des Verschwindens der einenMünzart aus dem Verkehr gehabt hat. Und wo die Gold- und Silbermünzen einesSystems länger nebeneinander sich erhielten, wird die Ursache die gewesen sein, daßentweder die Wertrelation länger stabil blieb, oder daß das Ncbengeld, die Gold- oderdie Silber- und Kupfermünze, nur in ganz beschränkter Menge geprägt wurde undcirkulierte. In einem solchen Falle nämlich wird die beschränkt geprägte Münzart zumZeichen- oder Kreditgeld; es wird ihr leicht ein wesentlich höherer Nennwert beigelegtwerden können als ihrem Metallwert entspricht. Und das kann ohne Schaden ge-schehen, sofern dieses Zeichengeld durch seine Seltenheit und seine Stempel, dadurch, daßes nur der Stellvertreter des andern Hauptgeldes ist, seinen Nennwert auch bei Wert-