545Z
Das schwankende Wertverhältnis von Gold und Silber und seine Folgen.
57
schwankungen seines Metalls behauptet, so lange diese nur in nicht allzu großem Umfangeauftreten. Ein solcher Zustand kaun am leichtesten ausrecht erhalten werden, wenn nurdie Staatsgewalt und nicht die Privaten Prägen, jene also es stets in der Hand hat, dasMengenverhältnis zwischen Gold- und Silbermünzen zu bestimmen. Für die beiden Fälle,für das Verschwinden des einen Metalls und für seine Erhaltung dnrch die genanntenMaßregeln lassen sich zahlreiche Beispiele anführen. Als der Goldgulden von 1300ab sich von Italien aus über Nordeuropa verbreitete, und nun der Goldgulden von1350—1500 sich neben der alten Silbermünze erhielt, war wohl die Hauptursache die,daß das Silbergeld durch Abnutzung und fiskalische Verschlechterung allen Kredit ver-loren hatte, nicht sehr stark neu geprägt wurde: der Goldgulden war in Deutschland1350—1500 zum Mittelpunkt des Wertbewußtseins geworden. Als nun von 1500 abviel mehr Silber erzeugt, der schwere Silberthaler in Deutschland geschlagen wurde, undder Wert des Silbers sank, brauchte der Goldgulden nicht notwendig zu verschwinden;man mußte nur, wie die Reichsstädte vorschlugen, die gesetzliche Wertrelation von 1 : 11,5erhöhen auf 1 : 12—13; da man dies in Deutschland nicht that, während Frank-reich z. B. 1641 schon zu 1 : 13,5 überging, so verlor Deutfchland in der Hauptfachedie Goldmünzen und blieb, von dem vergeblichen Versuche des 18. Jahrhunderts ab-gesehen, sie wieder umfangreicher zu Prägen, bei einer reinen Silbercirkulatiou mit wenigerhochtarifierten Pistolen und Dukaten bis 1871. Ähnliches scheint man schon in Mikaund in der älteren römischen Zeit erstrebt zu haben: man prägte bei vorherrschenderSilbercirkulation Gold nur in beschränkter Weise und über seinen Handelswert, teil-weise wie 1 : 17. In der römischen Kaiserzeit war Gold dann das Hauptgeld, Silbereine bloße Scheidemünze; zuletzt, 422 n. Chr., prägte man Gold wieder 1: 18, währendder Marktwert 1 : 13 stand. In neuerer Zeit haben Spanien und viele andere Länderbeschränkte Goldprägungen mit gesetzlicher Übertarifierung gehabt. Auch wenn dasGold zeitweise etwas wertvoller wurde, verschwand es so lange nicht, als die Wert-steigerung die Übertarifierung nicht erreichte. —
In dieser Weise scheint vielfach in älterer Zeit der Übelstand, den das Nebeneinander-estehen von Gold-- und Silbermünzen in Zeiten des Wertwechsels haben kann, gemildertoder beseitigt worden zu sein: bei einer überwiegenden Goldcirkulatiou und Goldwährungmachte man das Silber zu eiuer beschränkt ausgeprägten Art von Scheidemünze; beiüberwiegender Silbercirkulation wurde das Gold zu einem beschränkt ausgeprägtenKreditgeld. In beiden Fällen behauptete es für gewöhnlich feinen Nennwert. Manhatte den Vorteil einer gemischten Cirkulation ohne den Nachteil. Man hatte einMünzsystem mit lauter Münzen festen Nenn- und Kurswertes; die Schwankungenim Wertvcrhältnis von Gold und Silber berührten die Jnlandsmünzen nicht.
Freilich erreichte man bis ins 17. und 18, Jahrhundert dieses Ziel mehrtastend als durch klare Erkenntnis. Und als nun mit dem Aufschwung des Geschäfts-lebens, des internationalen Handels, mit dem sehr gesteigerten Münzbedarf, mit demWunsch der Händler, für Fernzahluugen immer mehr Goldmünzen zu erhalten, fürden Münzexport nach anderen Ländern rasch sich Gold- und Silbermünzen zu ver-schaffen, in den Haupthandelsländern die Sitte, auch für Private zu Prägen, allgemeinerund in der Weise zum Rechtssatz erhoben wurde, daß man die staatlichen Münzstättenanwies, sowohl Gold- als Silbermünzen in jedem Betrag gegen Eiulieferung vonBarren zu prägen (in England seit 1666, in Frankreich seit 1803, in den VereinigtenStaaten seit 1792), da traten mit diesem freien Prägungsrecht, das liberaler Doktrinaris-mus häufig als die erstrebenswerte Konsequenz der wirtschaftlichen Freiheit ansah, mitdieser Verbindung von Doppelwährung uud freier Prägung beider Metalle in vielstärkerer Weise als früher die Schwierigkeiten des Nebcncinanderbestchens von Gold-und Silbermünzen hervor. Nun fingen die Wechsler und Bankiers an, ein Geschäftdaraus zu machen, jede Wertdissercnz zwischen Gold- und Silbermünzen auszunutzen.Gold- und Silbermünze konnte jetzt nun viel schwerer -als früher nebeneinander bestehen;eine Beschränkung in der Ausprägung des einen Metalls fand nicht mehr statt, und dieFolge war also stets, daß, mochte man die gesetzliche Wertrelation fixieren, wie man