547)
Die Entstehung der Theorie der einheitlichen Währung 1800—1875,
>^!>
silberne Münze zur Scheidemünze gemacht, aber die alten Thaler nicht ganz aus demVerkehr gezogen und neben dem Goldgeld bis jetzt als gesetzliches Zahlmittel belassen hat.
Der Übergang Deutschlands und Skandinaviens zur Goldwährung (1371—73),die Sistierung der freien Silberprägung in den Vereinigten Staaten (1873), denStaaten des lateinischen Münzbundes (1877—78), in Holland (1873), in Österreich-Ungarn (1879), in Indien (1893) waren der praktische Ausdruck der zur Herrschaftgelangten theoretischen Vorstellungen über die Vorzüge der reinen Goldwährung.Zugleich zeigten die Papierwährungsländer Italien, Österreich und Rußland die Absicht,zur Goldwährung überzugehen. Die beiden letzten haben das Ziel erreicht. Rumänien folgte 1890, Japan 1897, die Vereinigten Staaten 1900, Indien, Peru und die Schweiz planen dasselbe. Sanguiniker hatten mit der Steigerung der Goldproduktion von1850 an (von jährlich 23 697 Kilogramm 1801—50 auf 180—200000 1850—80)den baldigen Sieg der Goldwährung auf der ganzen Welt erhofft; jedenfalls hatte dieseenorme Produktion die Ausdehnung der Goldcirkulation allein ermöglicht, die im übrigenaus dem Bedürfnis eines leicht transportablen Zahlungsmittels für den großen Verkehrhervorgegangen war. Als reine Silberländer blieben zunächst nur die asiatischen, Indien,China und die amerikanischen, Mexiko , Ecuador, Bolivia u. s. w. übrig.
Während nun aber die vermehrte Goldproduktion bis 1872 die bisherige Wert-relation von Gold zu Silber, 1 : 15,5 nicht wesentlich alteriert hatte, weil die Ver-einigten Staaten und Frankreich große Beträge an Gold aufnahmen, der gesteigerteVerkehr mehr Gold brauchte, der Verbrauch von Gold und Silber für die Industrie,Schmuck- und Gerätezwecke sehr stieg, endlich der Silberüberschuß nach Asien abfloß,so wurde das von 1873 ab anders; die Wertrelation wurde 1873—85 1 : 19,4 undneuestens gar 1896 1 : 30,6, 1898 1 : 35,0. Die Sistierung der Silberprägung, dieAusbreitung der Goldwährung, die Verbilligung und Steigerung der Silberproduktion1860—95 von 1 auf 5 Mill. Kilogramm jährlich, die Unfähigkeit Asiens und derSilberländer, das überschüssige Silber aufzunehmen, wirkten dabei zusammen. Es isteine Wertänderung, wie sie historisch kaum je vorkam. Im Altertum schwankte dieRelation zwischen 1 : 11 bis 1 : 13; die Verhältnisse von 1:8 bis 1 : 18 kamen nurvorübergehend vor. Im Mittelalter behauptete sich auch meist 1 : 9 bis 1 i 10. Dannfreilich hatte sich von 1500 bis 1700, hauptsächlich 1620—80, der große Umschwungvollzogen von 1 i 10,5 zu 1 : 15, Das Silber war so viel billiger geworden, weil esmehr und leichter erzeugt wurde, und die Goldmünze so viel begehrter geworden war.Von 1630—1872 blieb das Verhältnis zwischen 1 : 14 bis 1 : 16. Nun erfolgte derweitere stärkere Wandel aus denselben Ursachen wie 1620—30. Aber damals verlordas Silber 28,5 Prozent seines Wertes, heute 50 Prozent und mehr gegen Gold.
Es war natürlich, daß diese alle wirtschaftlichen Beziehungen und alle Preise,allen Handel und Verkehr stark beeinflussende Umwälzung der Wertrelation nebst ihrenFolgen in der Währungspolitik die Theorie zur Frage veranlaßte, ob die Umwälzungmehr eine unabänderliche Folge wirtschaftlich-technischer Vorgänge und Bedürfnisse odereine solche der aus bestimmte Theorien sich aufbauenden Geld- und Währungspolitik sei.Es war natürlich, daß die öffentlichen und privaten Schuldner in den früheren Silber-ländern sich sagten, bei Erhaltung der Silberwährung hätten sie jetzt nur die halbeLast zu tragen. Schon in den 60er Jahren trat in Wolowski ein energischer Ver-teidiger der Doppelwährung, wie sie Frankreich gehabt, auf; in den 70 er und 80 erJahren entstand die Agitation sür eine internationale Doppelwährung, die alle wirk-lichen und angeblichen Mißstände der Goldwährung und des Nebeneinanderbestehensvon Gold- und Silberwährungsländern heilen sollte.
Wolowski meinte, entgegcgen dem Wortlaut der französischen Gesetze von 1785und 1803, die Doppelwährung habe nicht einen doppelten Wertmesser, nicht eine sesteWertrelation zwischen Gold- und Silbermünzen statuieren wollen, sondern habe im klarenBewußtsein von dem ewigen Schwanken dieser Relation, allen Schuldnern freistellenwollen, stets im entwerteten Metall zu zahlen, weil das der Billigkeit entspreche, unddadurch die großen Schwankungen im Wert von Gold zu Silber vermindert würden.