Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
107
Einzelbild herunterladen
 

565^

Die wirtschaftlichen Wertarten.

107

Lust und Unlust sind eben nicht direkt meßbar. Sie werden nur greisbar, vergleichbar,indem sie sich zu gewissen Schätzungen äußerer Art verdichten, indem die Jahrtausendealte Erfahrung und Gewohnheit Maßstäbe und Größenvorstcllungen, anschließend andie meßbaren Ertrags- und Tauschwertschätzungcn, gebildet haben. Der Ertragswertgehört dem technischen und physiologischen Gebiete der äußeren meßbaren Erfahrungan: von zwei gleich großen Grundstücken giebt das eine 10, das andere 50 HektoliterWeizen; so und so viel Centner Dünger steigern diesen Ertrag aufs Doppelte. DerVerkehrs-, Tausch-, Marktwert ist durch Vertrag oder schätzende Autorität in Geld oderin naturalen Einheiten, deren Wert als bekannt gilt, festgesetzt. Das sind zahlenmäßige,saßbare, aus einheitliche Nenner zurückgeführte Größen, mit denen man rechnen, summieren.Buch führen kann. Die beiden letzten Wertarten stehen wie erwähnt stets mit denGenußwerten, mit dem Untergrund von Lust- und Uulustgesühlen in Relation, ent-sprechen ihnen im großen und ganzen, so sehr sie im einzelnen abweichen können. DerGeuußwert ist und bleibt das Primäre; aber er ist das schwer Faßbare, Inkommensurableund erhält deshalb durch Ertrags- und Tauschwert, durch die RückÜbertragung vonderen Zahlengrößen auch erst seine Bestimmtheit. Die Untersuchung des Gebrauchs-werts verläuft in psychologische und kulturgeschichtliche Untersuchungen der Gefühle undihrer Veränderungen; die Untersuchung des Ertragswerts fußt auf technologischen undphysiologischen Erörterungen; die des Tauschwerts ist die eigentlichste Aufgabe derVolkswirtschaftslehre.

Eine eingehende Theorie des Tauschwerts suchten A. Smith und Ricardo aufzustellen,und zwar mit der Absicht, über den Wirrwarr der Wertschwankungen durch möglichsteZurückführung derselben auf eine Ursache Herr zu werden; sie suchten einen sogenanntennatürlichen, idealen Wert, um den die täglichen Oscillationen des Werts gravitieren;sie sagten, mit gewissen Ausnahmen ist jedes Gut so viel wert, wie seine Produktions-kosten betragen; diese bestimmen den Wert im großen und ganzen. HauptsächlichI. St. Mill formulierte die Ausnahmen dahin, daß die Seltenheiten und die nichtbeliebig reproduzierbaren Waren in ihrem Wert nicht durch die Kosten bestimmt werden.Die Kosten selbst suchte man auf ein absolutes, konstant gedachtes Wertniaß zurück-zuführen; man erörterte, ob der Lohn, der Getrcidcpreis, das Geld, die Arbeit diesesMaß sei und blieb zuletzt bei der Arbeit stehen, suchte alle Produktionskosten in Arbeitoder Arbeitsstunden, alle geistige Arbeit in Handarbeit aufzulösen. Man glaubte sozu einer objektiven Werttheorie gekommen zu sein. Das Extrem dieser Richtung stelltMarx mit seiner Lehre dar, der Gebrauchswert sei als etwas Technologisches volks-wirtschaftlich bedeutungslos, aller Wert beruhe auf dem Quantum gesellschaftlich not-wendiger (d. h. dem technischen Kulturniveau entsprechender) Arbeitsstunden, die eineWare gekostet.Alle Werte sind als Ware nur bestimmte Massen sestgeronnenerArbeitszeit." Als ob jemals irgend ein Mensch, unabhängig von seinen Bedürfnissenund den Mengenverhältnissen der Güter, irgend etwas hoch wertete, nur weil Arbeits-stunden darin stecken. Aller Wert der Arbeit und ihrer Produkte hängt von der Nütz-lichkeit und Begrenztheit derselben ab (Dietzel).

Die Theorie mußte auf den Gebrauchswert wieder zurückkommen; sie that eszuerst in der Form einer unklaren Verwunderung darüber, daß Gebrauchs- und Tausch-wert sich nicht stets decken. Schon A. Smith hatte gemeint, daß die Dinge, welcheden höchsten Gebrauchswert besitzen, wie Licht und Wasser, wenig oder gar keinenTauschwert haben. Proudhon schloß daran an, klagte, daß der Tauschwert durchgrößeres Angebot sinke und so die Produzenten schädige; das Nutzloseste sei teuer, dasNützlichste wohlfeil. Um über diesen Widerspruch Herr zu werden, verlangt er eine durchbessere volkswirtschaftliche Organisation zu erzielende Konstituierung des Wertes nachder Arbeit; damit kann nur die unmögliche Ausschließung der anderen werterzeugendenUrsachen, wie Nützlichkeit, Seltenheit u. s, w., gemeint sein. Bei jeder solchen Auffassungist übrigens der Gebrauchswert mit der Nützlichkeit verwechselt; der Diamant sollgeringen Gebrauchs- und hohen Tauschwert haben; das ist das Urteil eines Diogenes,nicht das jener Frauen, welche Diamanten begehren und bezahlen.