Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Die Wcrtbcstimmungsgriinde in den heutigen Verkehrstarifen.

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sich 18301900 die Art der Tariffestsetzung in den einzelnen Ländern gestaltete, einegewisse Staatsaufsicht, eine Tarifhoheit, welche ordnend, Grenzen setzend, im Gesamt-interesse eingreift, noch mehr ein starker Einfluß der öffentlichen Meinung, hat sichüberall herausgebildet, freilich zu schwach und schüchtern in den Ländern der geld-kapitalistischen Herrschaft, in England und in den Vereinigten Staaten , schon etwasstärker in den Staaten eines gemischten Systems, wie in Frankreich , am stärksten inden Gebieten des Staatsbahnsystems, wie in Deutschland . Und an die Staatsaufsichthaben sich überall die Forderungen angeschlossen, daß alle Tarife veröffentlicht werdenmüssen, daß die verschiedenen Eisenbahnen eines Landes möglichst einheitliche, klare,leicht verständliche Tarife, wenigstens Tarife mit gleichem System und gleichen Prin-cipien haben sollen, daß das große Rechtsprincip der gleichen Behandlung aller Staats-bürger von den großen Transportanstalten eingehalten, die Tarife nach dem Principder Gerechtigkeit gestaltet werden sollen.

Wenn wir nun fragen, wie vertragen sich diese Forderungen mit der Freiheitdes Geschästslebens, die man ebenfalls als Grundgedanken unserer heutigen wirtschaft-lichen Ordnung verlangt, so werden wir eine Antwort am besten geben können, wennwir zuerst principiell uns klar machen, was die Wertbestimmungsgründe im Verkehrüberhaupt, hauptsächlich im heutigen Eisenbahnverkehr, dann aber auch ähnlich imsonstigen modernen Großverkehr seien.

Die Bestimmung der Höhe der Tarifsätze, d. h. der für die Verkehrsdienste ge-zahlten Preise, hat im letzten Grunde die gleichen Ursachen wie die Preisbestimmungauf dem Markte. Die überlieferten Sätze bilden stets den Ausgangspunkt; auf siewirken nun die entgegengesetzten Interessengruppen in widersprechendem Sinne; je nachdem Drucke von der einen oder anderen Seite kommt der Kompromiß bei höheren oderniedrigeren Sätzen zustande. Die private Transportanstalt bietet ihren Dienst so teuerwie möglich an, will so viel wie möglich gewinnen; Handel und Publikum fragen nachden Transportdienstcn, wollen sie so billig wie möglich haben, verlangen viel oderwenig Transportdienste je nach der Höhe der Tarife.

Die private wie die öffentliche Transportanstalt kann für ihre möglichst hohenForderungen stets zweierlei geltend machen: 1. die bisherigen Transportsätze waren(nach der alten Verkehrstechnik) so und so hoch; setzt sie dieselben um 10 30 Prozentherab, so glaubt sie damit schon viel gethan zu haben, wenn ihr auch die neue TechnikErsparnisse an Kosten von 4080 Prozent brachte; 2. sagt sie: ich bringe eine Ware,die pro Centner 30 kostet, nach einem Orte, wo sie 90 wert ist; ich leiste ihr alsoeinen Dienst, der 60 wert ist, warum soll ich nicht wenigstens 5059 nehmen, obmich das nun 5 oder 40 oder 50 kostet; die Transportanstalt sucht auf den Verkehrzu schlagen, was er nur irgend tragen kann.

Händler und Publikum, welche die Anstalt benutzen, sagen umgekehrt zu dieser:1. du darfst höchstens nehmen, was dich der Transportdienst selbst kostet nebst einembilligen Gewinn; du sollst nicht nehmen, was du kannst, nicht den zehnfachen Gewinnwie andere Geschäfte machen; sie sagen 2. zur Eisenbahn : du bist privilegiert, hastvon Staat und Gemeinschaft alle möglichen Vorteile (Expropriation, Polizeirecht,Monopolrecht), also bist du verpflichtet, alle deine Tarife im wirtschaftspolitischenGesamtinteresse, nach gewissen ethischen, Gerechtigkeits- und anderen höheren Gesichts-punkten zu ordnen, soweit du es kannst, soweit du dabei noch auf deine Kosten kommst.

Mit diesen vier Gruppen von Motiven ist die Skala der Preisbestimmungsgründeerschöpft. Sie kämpfen, wo freie Preisgestaltung noch vorhanden ist, wie im See- uudFlußverkehr, in ähnlicher Weise wie Angebot und Nachfrage auf dem Warenmarktemiteinander, immer freilich sehr beeinflußt durch die öffentliche Diskussion. An vielenStellen wird auch der Kleinverkehr amtlichen Tarifen unterworfen, wie der Droschken-Verkehr in den Städten, der Pserdebahnverkehr. In den meisten Gebieten des inländischenGroßverkehrs aber, im Post-, Eisenbahn-, Telegraphenwesen, bekämpfen sich die er-wähnten Tendenzen und Motive in den öffentlichen Diskussionen über die Tarife; sie