Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
130
Einzelbild herunterladen
 

130 Dritte- Buch. Ter gesellschaftliche Prozeß des Guterumlauses u. der Einkommensverteilung.

blicklichen Stimmungen der Kaufleute, ihrem Kredit, ihren Verabredungen und Ähn-lichem. Daraus entstehen viele kleine Schwankungen der Nachfrage; die großen Zügederselben werden dadurch kaum berührt; wir können also hier zunächst davon absehen. -

Wir kommen zur Sache, und ich füge nochmals eine Einschränkung hinzu. Wirwollen, hauptsächlich des Raumes wegen, nur die Nachfrage nach Nahrungsmittelnetwas näher betrachten; sie ist heute noch die wichtigste, nimmt bei der Mehrzahl derMenschen 4060 Prozent des Einkommens in Anspruch, stand in roheren Zeitalternwahrscheinlich noch viel mehr in erster Linie. Aus die Nachfrage nach Wohnung,Kleidern, nach Gütern und Arbeit für alle anderen Zwecke wollen wir nur zum Schlußmit ein Paar Worten kommen. Wir fragen, wie hat sich diese Nachfrage entwickelt,was wissen wir über sie? Die Physiologie hat uns neuerdings über die wünschens-werte Art der Ernährung belehrt; sie hat uns gezeigt, welche Stoffe und in welcherMenge und Mischung sie nötig sind; sie hat nachgewiesen, daß einerseits die Protein-oder Eiwcißstoffe, die stickstoffhaltigen Nährstoffe Blut, Muskeln, Nerven, Knochenbilden, daß andererseits die stickstofffreien Stoffe, die Kohlehydrate und Fette, in dreibis viermal größeren Mengen als jene nötig sind, daß sie Wärme und Kraft auslösen,daß daneben noch Mineralsalze unentbehrlich sind. Außerdem hat uns die Geschichteund Statistik, haben uns wirtschaftliche Beschreibungen aller Art ein großes Erkenntnis-material geliefert. Ein besonders beliebtes und anschauliches Hülfsmittel des Über-blickes über die Nachfrage in verschiedenen Ländern, Städten u. f. w. ist die Berechnungder Durchschnittskonsumtion Pro Kopf der Bevölkerung. Gewiß ruhen diese Berechnungennur teilweise auf genauen Erhebungen über Verzehr und Gefamtproduktion, über dieAus- und Einfuhr; teilweise sind sie aus Schätzungen ausgebaut. Sie geben nur einrohes, nivelliertes Bild der durchschnittlichen Nachfrage großer Gruppen von Menschen,in welche Arme und Reiche, Kinder und Erwachsene zu einer Mittelzahl vereinigt sind.Aber sie stellen doch ein unentbehrliches Glied unserer fortschreitenden Erkenntnis dar.Sie müssen nur durch unser sonstiges Wissen, durch Specialbeobachtung einzelner Fälle,Personen und Klaffen ergänzt, durch kritische Prüfung gesichtet werden.

Wir wollen uns mit der Urgeschichte der menschlichen Ernährung, die wir (I ß 78)schon berührt, nicht lange aufhalten; aber wir müssen mit einigen Worten von ihrausgehen, um durch ihre Schwierigkeit und UnVollkommenheit die spätere Ernährungin das richtige Licht zu fetzen. Die Ernährung des Urmenschen war deswegen eineschwierige, weil er weder Gramineen baute, noch Flcifchnahrung und Milchgenuß kannte;er besaß weder Brot, noch Butter, er verstand nicht zu kochen und so die Nährmittelverdaulich zu machen, er befaß weder Salz, noch Gewürze, weder Zucker noch Weinund Bier, von Thee, Kaffee und Ähnlichem ganz zn schweigen. Er lebte von Früchtenund Wurzeln, von Kerbtieren und Insekten, Eiern und Schattieren; er mußte wochenlanghungern können und verschlang dann übermäßige Mengen; er lernte nur sehr langsamVorräte sammeln und erhalten; ein körperliches und geistiges Dasein rohester Art ent-fprach dieser Art der Ernährung. Als er gelernt, Fische zu fangen, Knollengewächse undGetreide zu bauen, Wild zu erlegen, Tiere zu zähmen, zu schlachten und zu melken, hatteer die schwierigsten Aufgaben der menschlichen Ernährung gelöst. Es begann nun für ihnein ganz anderes wirtschaftliches Leben: eine Sicherung desselben, wie er sie bisher nichtgekannt, eine reichliche Versorgung, eine Möglichkeit der Bcvölkerungszunahme, dergrößeren Gemeinwesen, wie sie für die höhere Kultur nötig war. Und doch hörte dieSchwierigkeit der Ernährung nicht auf. weil auch für die Getreide und svleischevzeuaunggroße Flächen sowie eine immer geschicktere Arbeit nnd Technik nötig war» ihre rascheSteigerung den größten Schwierigkeiten und Kosten begegnete. Sehen wiv > lir.i^ iiä^nzu, wie die Getreide- und die Fleischnahrung nebeneinander sich ausbildete, sich ergänzte,welche Art der Nachfrage damit entstand.

Die Graskörner und einige Wurzelfrüchte wnrde» mit dem Hack- nnd Ackerbaudas Hauptnahrungsmittcl der meisten Menschen. Mit dein Getreide hatte man die amleichtesten auszubcwahrcnde, die am besten zu schmackhaften Speisen verschiedener Artzu benutzende und diejenige Nahrung, die am eyesten auch für sich oder mit geringen Zu»