148 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Gilterumlaufes u. der Einkommensverteilung.
wenn dic nötigen Bedingungen für ihr Wachstum erfüllt sind. Aber gerade sie sindmeist nicht ohne weiteres vorhanden, und so entsteht dadurch die Erscheinung, daß nurunter besonders günstigen Verhältnissen, in besonders glücklichen Epochen der wirtschaft-lichen Entwickelung, bessere und ausgezeichnete Arbeitskräfte und Unternehmer, hoheTechnik und gute sociale Organisation, verhältnismäßig reichliche Kapitalien vorhandensind, sonst aber und bei den meisten Völkern, in vielen Gegenden und Gewerben, esdoch an dem und jenem mangelt. Vor allem persönliche Kräfte ersten Ranges, großeKünstler, Techniker, Gelehrte und Staatsmänner sind selbst bei hoher Kultur so selten,daß ihre Leistungen nicht bloß im Moment, sondern oft noch nach Jahrhunderten be-gehrter und wertvoller als die seltensten Naturschätze erscheinen. Wir sehen das anden Bildern Rafaels, Murillos, Rubens' und Van Dyks. Aber wenn wir auch vonden Genies absehen, so sind selbst in den Ländern dichter Bevölkerung und alter Arbeits-schulung, guter Volksschulen und technischer Bildung meist viel mehr geringwertige alsvorzügliche Arbeitskräfte zu haben. Erstere sind häufig überflüfsig, oft gar arbeitslos,letztere meist selten uud begehrt. Als bei der neuesten amerikanischen Trustcnauete vonden enormen Gehalten der Direktoren die Rede war, sagte ein Sachverständiger: IIwtirst-elass man is öxceeüingl^ rare anä is ooeax at almost cm)' xrioe; nntiiiuA is so-oüeap as drains.
Daß auch die gewöhnlichen Arbeitskräfte in Zeiten rasch aufsteigender Kultur zeit-weise seltener werden, daß sie in Epochen großer Wanderungen einmal der Land-wirtschaft, welche geringere Löhne zahlt als die Industrie, fehlen, ist richtig; häufigeraber ist das Gegenteil zumal in den Ländern der alten Kultur, bei dichter wachsenderBevölkerung der Fall. Und daher die Gefahr für die ungelernte, gewöhnliche Hand-arbeit, zeitweise auch für die gelernte, nicht den Wert zu haben, der ihr menschlich undsocial zu wünschen ist.
Und ähnlich geht es mit dem gewöhnlichen beweglichen Kapital. Es sehlt anihm in allen armen Ländern, in allen Gebieten langsamer wirtschaftlicher Entwickeluug;nur in den reichen ist es zeitweise so überflüssig, sinkt sein Zinsfuß auf solchen Stand,daß es auch zu gewagten, oft zu unnötigen Unternehmungen verwendet wird, daßsein Beschästigungshunger schädlich werden, den Leichtsinn fördern kann. Aber es istdoch stets so beschränkt, daß viele Arme nichts davon erhalten, daß die mit großem Kapital(in Form des Eigentums oder des Kredits) für alles mögliche Ausgerüsteten eine kleineMinderzahl bleiben, eine Art Monopolisten darstellen.
So vollzieht sich der Produktionsprozeß und damit die Herstellung des Angebotsfast an keiner Stelle ohne den Einfluß beschränkter Produktivkräfte. Nur unterliegendie einzelnen Gruppen des Angebots diesem Einfluß in sehr verschiedenem Maß, undsie werden dementsprechend.verschieden leicht sich ausdehnen lassen: von der Seltenheiteinzelner Diamanten, Kunstgegenstände, Kunstleistungen geht es durch die Erzeugnissebeschränkter Weinlagen, einzelner besonders fruchtbarer, überreicher, für bestimmte Kulturbesonders geeigneter Böden hindurch zu den gewöhnlichen Produkten des Ackerbaues unddann zu den zahlreichen Ergebnissen des technischen Kunstfleißes und der menschlichenArbeit, von denen manche in überreicher Menge für den Bedarf der doppelten und zehn-fachen Menschenzahl sich herstellen ließen. Fast überall sind die Schranken elastische,mit der höheren Kultur hinausrückende. Für viele Produkte waren sie, so lange derVerkehr gering, die Frachtkosten sehr hohe waren, ganz andere als heute, wo wir selbstMassenprodukte über den halben Erdkreis führen.
Für sehr viele Produktionen handelt es sich um eine Reihe nebeneinander stehenderkonkurrierender Unternehmungen, welche succefsiv unter ungünstigeren Bedingungen, aufschlechterem Boden, mit geringerem Rohstoff, in abgelegenerer Lage, mit geringerenpersönlichen Kräften arbeiten. Es ist das Verdienst Ricardos, schärfer als vorher esbetont zu haben, daß in der Landwirtschaft solche verschiedene Bedingungen obwalten,daß die steigende Nachsrage nötigt, auf schlechteren und entfernteren Böden die Lebens-rnittel zu gewinnen. Wir wissen heute, daß solche Abstufungen fast nirgends ganz