Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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176 Drittes Buch. Tcr gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u- der Einkommensverteilung. ^<ZZ4

Und zugleich werden die Rechts- und Wirtschaftseinrichtungen zurückwirken auf die wirt-schaftlichen Eigenschaften des Fleißes und der Sparsamkeit, auf die technisch-kaufmännischenAnstrengungen der Kreise, die vor anderen Kapital ersparen, es produktiv verwenden^

Gebiete der Natural- und der Geldwirtschaft, der Eigenwirtschaft und der Ver-tehrswirtschast, kleine Gemeinwesen, die sich ewig befehdeten und beraubten, und großeKulturstaaten, die im Innern und unter sich eine gesittete Friedensgemeinschaft dar-stellen, müssen sich in der Kapitalbildung wesentlich unterscheiden. Zur Zeit der vor-wiegenden Eigenwirtschaft war der Trieb zur Sammlung von Vorräten und Pro-duktionsmitteln nicht sehr stark und nicht sehr verbreitet, schon weil ihre Anhäufungdoch nur Häuptlingen, Priestern, Königen möglich und vorteilhast war; jede Anhäufungwar an sich schwierig, sie gab dem gewöhnlichen Bürger wenig Gewinn und kaum ge-steigerten Lebensgenuß. Mit der Geld- und Kreditwirtschaft, dem Handel und derProduktion für den Markt und den hier möglichen Gewinnen, bildete sich eine ganzandere Ansammlung von Geld und Besitz aus. Es entstand jetzt erst der Erwerbstrieb:es begann die Erwerbswirtschaft im Gegensatz zur Hauswirtschast; es begann mit demLeihgeschäft die Kapitalanlage, die Kapitalrente, die Möglichkeit, sie zu weiterem Erwerbwie zu politischer Herrschaft und Luxus zu verwenden. Die komplizierten Rechtsformendes Kredits, der Vermögensanlage bildeten sich aus. Die entsprechenden Eigenschaftensind wieder zuerst das Vorrecht bestimmter Rassen und Klassen, der Kaufleute, derUnternehmer, der Bankiers. Die Preiskonjunkturen, die Rentenbildung, die Folgen vonMonopolen greifen zeitweise sehr stark m die Einkommensverteilung und damit in dieGelegenheit und Möglichkeit der Rücklagen ein.

Die Vermögens- und Kapitalbildung der wirtschaftlich hochstehenden Völker wirdso zu einem sehr komplizierten Prozeß, der einerseits als volkswirtschaftliche Gesamt-erscheinung betrachtet werden kann, als solcher von psychischen und institutionellenGesamtursachen abhängt, der andererseits in den verschiedenen Klassen, ihren Angehörigenund Familien auf ganz verschiedenen Motiven und Einrichtungen ruht. Die ganzenZwecke der Wirtschastssührung werden komplizierter: Man will wie früher im Haushaltmit wenig Mitteln auskommen, daneben die Vorräte des Hauses sür die Zukunftsteigern, die bessere Ausstattung des Haushalts erreichen; aber man will darüber hinauswerbendes Vermögen erlangen, es zinsbar anlegen oder im eigenen Geschäft nutzbar machen.Gerade in dieser Richtung sind neuerdings die verschiedenen Klassen in so verschiedener Lage.

Die Arbeiter, die kleineren und mittleren Beamten haben ihr ziemlich festes Ein-kommen; sie sollen damit auskommen. Ihre wirtschaftliche Tugend besteht darin, daßsie mit dem gleichen Geld möglichst gut sich nähren und kleiden, leidlich wohnen, ihrenHausrat verbessern und wenn es geht, noch etwas zurücklegen. Mehr und mehr gelingtihnen dies auch. Der Kleinbauer, der kleine Handwerker und Händler steht vor derselbenAusgabe, aber er soll und kann zugleich sein Geschäft durch Ersparnisse verbessern, es etwasvergrößern, etwas mehr Vieh halten und so Kapital bilden. Auch die meisten Glieder derliberalen Berufe können an der nationalen Kapitalbildung nur durch ihren haushälterisch-sparsamen Sinn, durch Verbesserung ihrer Hauswirtschaft und Kindererziehung, durchmäßige Sparkassen- und Versicherungseinlagen, Ankauf einiger Staatspapiere teilnehmen.

Anders der etwas größere Geschäftsmann, der Kaufmann, der Fabrikant, derSpekulant. Seine häusliche Sparsamkeit kommt nicht sehr in Betracht neben seinerFähigkeit, durch technisches und kaufmännisches Geschick, durch richtige Benutzung desMarktes, der Konjunkturen, durch Organisationstalent und Sinn für Verbesserungen,größere Gewinne, ein viel größeres Einkommen als er braucht, zu erzielen. Ein großer,vielleicht der größte Teil der heutigen Kapitalansammlung entsteht so durch Talent undglückliche Konjunkturbenutzung, unter Umständen auch durch Geriebenheit und zweifel-haste Mittel; die Frage bleibt freilich inimer, ob die geschäftliche Fähigkeit, ob dasMonopol, ob der Zufall der Preisbewegung die Hauptsache bei derartiger Kapital-bildung ausmache. Auch die ganz großen Künstler, Schriftsteller, Ärzte, die neben denChefs der großen Unternehmungen heute Hunderttausende und Millionen verdienen,werden durch ähnliche Ursachen wie die großen Geschäftstalente reich.