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Die Kapitalbildung. Die Entstehung des Kapitalbegriffcs.
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Daneben sehen wir aber noch eine dritte ganz andere Art der Kapitalbildung,die weder mit der Sparsamkeit, noch mit dem Talent, der Konjunktur etwas zu thunhat. Die reichen Leute, die mit erworbenem oder ererbtem Vermögen heute das5—10 fache von dem einnehmen, was sie selbst bei großem Luxus ausgeben können,werden das nicht verbrauchte Einkommen immer wieder zurücklegen. Nebenbei vermehrensolche Leute vielfach auch ihr Kapital durch zufällige monopolistische Rentenbildung.
Mit dieser einfachen Unterscheidung fallen die thörichten Schulstreitigkeiten weg,welche so lange darüber geführt wurden, ob die Kapitalbildung allein auf der Spar-samkeit oder allein auf der Überschußproduktion oder anderen Eigenschaften und socialenEinrichtungen beruhe. In welchem Maße freilich die verschiedenen socialen Klassenan der Vermögensbildung teilnehmen, ist bei dem Mangel an statistischen Grundlagenschwer zu sagen; es wird auch in jedem Lande wieder anders sein. Aber sür Deutsch-land möchte ich, anknüpfend an Beckers noch weiter zu erwähnende Schätzung von2,5 Milliarden Mark jährlicher Rücklage, die Vermutung aussprechen, daß von ihnenwohl l'/s auf die Rücklagen der Reichen und der größeren Geschäftsleute, aber1 Milliarde doch auch auf die kleineren Leute und wirklichen Sparer komme; unsereArbeiter zahlen heute 160—180 Mill. Mark jährlich in die Versicherungsinstitute, dendeutschen Lebcnsversicherungsanstalten flössen jährlich 1885-1900 226—431 Mill.,den deutschen Sparkassen mindestens die gleichen Beträge zu; was kleine Bauern undGeschäftsleute im eigenen Geschäfte, in Häusern, Grundstücken anlegen, dürfte sichmindestens auch auf so viel belaufen.
Für alle Klassen der Gesellschaft hängt die steigende Kapitalbildung mit der all-gemeinen Rechtssicherheit neuerdings ebenso zusammen wie mit der Ausbildung derKrediteinrichtungen; das Sparkassen- und Genossenschaftswesen, das Versicherungs- undBankwesen erleichtern die Anlage, reizen zu Rücklagen. Auch der Bauer hört auf, dieThalerstücke in Strümpfen und Töpfen zu verbergen und zu vergraben, die Hausfrauenwerden immer seltener, die sich am gefüllten Leinenschrank an sich erfreuen. Manwünscht Besitztitel und Renten, man bringt jede überflüssige Mark in die Kreditkassen.Alle Arten von Vermögens- und Besitzstücken werden nach ihrem Geldwert, nach ihrerFähigkeit Rente zu geben geschätzt und so als eine einheitliche Maße betrachtet, dieman vom einen Standpunkte aus als Vermögen, vom andern als Kapital bezeichnet.
Ehe wir von der allgemeinen volkswirtschaftlichen Bedeutung der Kapitalbildungreden, sei ein Wort über den wissenschaftlichen Sprachgebrauch der einschlägigen Begriffeund über die statistische Meßbarkeit der Kapitalbildung gesagt.
183. Begriff von Kapital und Vermögen. Wie die Römer fchon die dar-geliehene Summe oaxut, Hauptfumme, nannten im Gegenfatz zu den Zinsen, die dabeials der untergeordnete Teil des Rechtsverhältnisses dem Haupttcil entgegengesetzt wurden,so gebrauchte man auch im Mittelalter eaMgls eaxitaiis üöbiti) sür Geld- und
Viehdarlehen, und die Bezeichnung erhielt sich in diesem Sinne bis ins 18. Jahrhundert.Nachdem dann Hume gelehrt hatte, daß die Höhe der Zinsen weniger von der Mengedes Geldes als, von der angehäufter Reichtümer überhaupt abhänge, lag es nahe, allezurückgelegten Überschüsse, die angehäusten Werte (vateurs iroonmulsss), wie es Turgot that, als Kapital zu bezeichnen und zu betonen, daß andere Dinge ebenso gut wie dasGeld Kapital sein könnten, da man ja mit ihnen Grundstücke und anderes kaufen undvom Interesse jedes Kapitals leben könne. Zugleich mit dieser wissenschaftlichen Definitionverbreitete sich in der westeuropäischen Geschäftswelt der Sprachgebrauch, alles werbendeVermögen, sofern man von feiner technischen Natur absieht, an seinen Geldwert und seineRente denkt, Kapital zu nennen.
Die Wissenschaft aber ging andere künstlichere Wege. A. Smith wollte die Pro-duktion der wirtschaftlichen Güter gleichsam technisch erklären und an diese Erklärungdie der Einkommensverteilung anknüpfen. Im Geschmacke seiner Zeit erschienen ihmdie Natur, die Arbeit und die Produkte, welche weiterer Produktion gewidmet sind, alsdrei koordinierte Glieder. Er setzt den der unmittelbaren Konsumtion dienenden Gütern
Schmoller, Grundriß der Volkswirtsch»ftslehr-, II. 1,—k, Aull , 12