186 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Guternmlaufcs u. der Einkommensverteilung. ^644
Eine weitere wichtige Folge der neueren Kapitalbildung war die, daß die jeweiligenicht immer dem Bedürfnis entsprechende Kapitalanhäufung in ihrem Rentenhungerauf Geschäftsgründungen und -erweiterungen einseitig und übertrieben hinwirkte, daßdas Kapital gleichsam eine zu selbständige Rolle spielte; daß serner je nach den Kapital-vorräten, der Kapitalkonzentration, der Konkurrenz auf dem Kapitalmarkt die über dasKapital Verfügenden eine übermächtige beherrschende Stellung erhielten. Das meinteman wesentlich, wenn man vom „Kapitalismus " sprach. Überall und jederzeit wirdder jeweilige Mangel oder Überfluß an Kapital durch erhöhten oder erniedrigtenZinsfuß die Produktion erschweren oder erleichtern. Die über das Kapital Verfügendensind, je höher die Kreditentwickelung geht, desto mehr die Kreditorgane, die Banken,die Vorschußvcreinc u. s. w.
c) Hinter der thatsächlichen Kapitalverteilung durch die Kreditorgane steht dieVerteilung zu Eigentum. Wir wiederholen nicht, was wir oben über das Eigentumund seine Verteilung sowie über die sociale Klassenbildung gesagt haben (I § 123—137).Wir betonen hier nur noch einmal, die ursprüngliche Eigentumsverteilung ist überwiegendFolge persönlicher Eigenschaften; im Laufe der Generationen schließt sich daran eine ebensovon Erbrecht, Zufall, Rentenbildung, Heiraten beeinflußte. Und in alle Eigentumsver-teilung greifen Gewalt und Betrug ein. Bei hoher Kultur entsprechen daher meist nichtmehr ganz die persönlichen Fähigkeiten der Größe des Eigentums. Die Verniögensverteilungwird zu einem wichtigen, wenn auch sekundären Ursachenelement der socialen Klassen-bildung; ungesunde, ungerechte Verteilung kann großen Schaden stiften; sie kann die Pro-duktion hemmen, die Konsumtion in falsche Bahnen bringen; sie kann die politischeund wirtschaftliche Macht in falsche Hände legen. Die Vermögens- und Kapitalbildungwird, je mehr sie zunimmt, zu einem wesentlichen Faktor der socialen Machtverteilung,zum ausschlaggebenden hauptsächlich in sinkenden Zeitaltern, in denen alles käuflichgeworden ist.
In gesunden aber, auf dem Höhepunkte der sittlichen und wirtschaftlichen Kultur,pflegt die Vermögensverteilung mit der persönlichen Fähigkeit der höheren Klassen dochin einer gewissen Übereinstimmung zu stehen, Pflegen auch sociale Schichten ohne großesVermögen politischen Einfluß und Macht zu haben, können es durch große Leistungenund richtige Organisation nach und nach erringen. Ich erinnere an das Beamtentum,die Arbeiterschaft, die liberalen Berufe, die Geistlichen und Priester mancher Zeitalterund Staaten.
Darauf, daß die Eigentumsverteilung bei richtiger Kreditorganisation durch dieKreditverteilung korrigiert wird, daß in den Epochen hoher Kreditentwickelung Finanz-minister und Bankdirektoren über unendlich viel mehr Kapital verfügen als renten-verzehrende Eigentümer, kommen wir nachher zurück.
186. Der Kredit, seine Hauptformen. Um das Wesen des Kredits undseine Folgen für die Volkswirtschaft zu verstehen, muß man zuerst einen Überblick überdie Geschäfte sich verschaffen, die man unter dem Namen der Kreditgeschäfte zusammen-zufassen Pflegt. Es handelt sich um gegenseitige entgeltliche Güterübertragungen, wobeiKapital leihweise oder zur Nutzung vom Eigentümer auf einen Dritten übertragenwird. Leistung und Gegenleistung fallen zeitlich auseinander. Die Gegenleistung dessen,der Kredit erhält, besteht außer der Rückgabe des Kapitals meist in einer Bezahlung,der Rente, dem Zins. Um den Überblick nicht zu sehr anwachsen zu lassen, ordnen wirdie Kreditgeschäfte in einer schematischen Reihe nach der üblichen Einteilung.
Natural- und geldwirtschaftlicher Kredit. Die naturalwirtschast-lichen Kreditgeschäfte sind die älteren, die geldwirtschaftlichen die jüngeren. Bei denersteren werden Grundstücke, Häuser, Vieh, Getreide hingeliehen, in natura zurückerstattetmit einer Vergütung in Naturalien oder Arbeitsdiensten, teilweise auch schon in Geld.Bei Gelddarlehen wird Geld gegeben und zurückerstattet, oer Zins in Geld geleistet.Die ältere Land- und Häuserleihe bestand in der kreditmäßigen Überweisungvon Grundstücken und Gebäuden durch den Eigentümer an einen Nutznießer. Aus derLandleihe entwickelten sich die verschiedenen Formen der agrarischen Verfassung, die