Trittes Buch. Tcr gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufcs u. der Einkommensverteilung. s654
wenigstens einige sichere Anhaltspunkte über die Zunahme des Wechselgebrauchs undüber das verschiedene Maß derselben je nach den Ländern und den Zwecken, denen derWechsel dient. Als Zahlmittel nahm er in den entwickeltesten Staaten bis gegen 1850stärker zu als später; er trat dann als solches etwas zurück, weil in diesen Länderndie sosortige Barzahlung mit der Abkürzung der Geschäftstermine, mit den heutigenVerkehrsmitteln zunahm, weil der Wechsel vielfach durch Noten-, Giro- und telegraphischeZahlungsüberweisung ersetzt wurde. Als Kreditmittel nahm er überall bis in dieneueste Zeit zu, aber wohl am stärksten in den Ländern der jüngern wirtschaftlichenEntwickelung, die vor 1850 noch kein sehr großes Wechsclgeschäft gehabt hatten. GroßenSchwankungen ist die Zahl der umlaufenden und diskontierten Wechsel stets je nachder Konjunktur ausgesetzt.
Tooke schätzt die im Vereinigten Königreich jeweilig durchschnittlich im Umlaufgewesenen Wechsel 1843 aus 2,3, 1850 auf 3, 1856 aus 4 Milliarden Mark.Der Durchschnittsbestand an Wechseln in der preußischen Bank war 1817—1835 3—9,1840—1850 27—42, 1870 — 1875 276—366 Mill. Mk.; er stieg bei der deutschenReichsbank von 402 Mill. 1876 auf 800 im Jahre 1900. Der Gesamtbetrag der beider preußischen und deutschen Reichsbank im Jahre vorgekommenen Wechsel war 1847306, 1860 1068, 1875 4097, 1893 6388, 1900 8764 Mill. Mk. Vom Wechsclstempelwurden in Deutschland 1870 Wechsel im Betrag von 12, 1873 von 15,6, 1886 von13,1 1891 von 16,2, 1900 von 23,3 Milliarden Mk. erfaßt. Der durchschnittlichejeweilige Wechselumlauf in Deutschland stieg 1872—1900 von 3 auf 5,8 Milliarden.Nach einer Zusammenstellung, welche Neumann-Spallart und Jurafchek über dasWechselporteseuille einer bestimmten Zahl Notenbanken verschiedener Länder machten,stieg der Wechselbestand derselben Ende Dezember 1868—1873 von 4,2 auf 6,9, sankdann bis 1880 auf 5—6, stieg bis 1890 aus 11,1, sank bis 1893 wieder aus 10,2Milliarden Mark. Mag der Wechsclverkchr in England, Frankreich und Deutschland 1860—1900 entfernt nicht so gestiegen sein wie z. B. der Giroverkehr oder wie in denVereinigten Staaten sowie in Österreich, Italien und Rußland , weil er in diesenLändern bis 1860 ziemlich mäßig war, das zeigen die Zahlen jedenfalls, um welcheenormen Beträge, um welche kolossalen Zahlungen und Kreditierungen es sich da handelt.
188. Das Wesen des Kredits. Kehren wir nach dieser Auszählung dereinzelnen Arten und Formen des Kredits zu der Frage zurück, wie wir die Summeder so geschilderten wirtschaftlichen Vorgänge ziehen und begrifflich festhalten können,so werden wir den Kredit definieren, weder bloß als ein Vertrauen auf ein Versprechen,noch als Übertragung von Kapital schlechthin -— darunter fällt jeder Kauf, jede Ver-erbung ebenso —, sondern als den Inbegriff der psychologisch-geschäftlichenVoraussetzungen und der in Sitte und Recht wurzelnden Beziehungenund Einrichtungen der Volkswirtschaft, welche entgeltliche leihweiseGüter Übertragungen mit zeitlich differenzierter Leistung und Gegen-leistung herbeiführen. Das Kreditwesen eines Landes ist der Inbegriff derhierauf bezüglichen Geschäftsverhältnisse und Institutionen. Durch den Kredit entstehteine Unsumme von Güterübertragungen und Kaufkräften, welche künftigen Zahlungs-verbindlichkeiten cntfprechen; diefe sind für Tage, Monate, Jahre im voraus bestimmt;der Kredit erzeugt nicht Kapital, fondcrn nur Forderungen, Kreditpapicre und-Urkunden; er anticipiert nicht künftige Güter, sondern verteilt nur die vorhandenenin anderer, wenn er richtig sungiert in passenderer, den wirtschaftlichen Verhältnissenangemessenster Weise; ohne den Vermögensinhabern ihre Rechte, ihre Rente zu nehmen,überträgt er die Güter auf andere unter der Bedingung künftiger Gcgenleistuugen. Soentsteht durch deu Kredit in jedem Moment eine von der Eigentumsvertcilung ab-weichende, durch die wirtschaftlichen Bedürfnisse, durch die Prozesse der Güterproduktion,des Güterumlaufs, des Zahlungswesens bedingte Kapital- und Güterverteilung.
Die Voraussetzung dieser Güterübertragungen ist eine kleinere oder größere Un-gleichheit der Vermögcnsvertcilung, ist die Thatsache, daß an vielen Stellen der wirt-schaftlichen Welt Überfluß an Gütern, an andern Mangel ist, daß Eigentumsverteilunz