232 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. ^690
durch die großen Banken. Mit den Eisenbahnen und Telegraphen, den zunehmendenFilialen der großen Banken setzte er ein und nahm neuerdings rasch zu.
Die Aufgabe des alten kleinen Lokalbankicrs war, den ihm persönlich bekanntenKunden Wechsel- und Kontokorrentkredit zu geben, von ihnen Depositen anzunehmen,für sie Effekten zu kaufen, zu verkaufen und aufzubewahren, ihnen persönlichen Rat zuerteilen, unter Umständen für sie Spekulationsgeschäfte an den Börsen auszuführen.Schon in dem Maße, wie letzteres zunahm, fragte es sich, ob die Kunden an den kleinenOrten nicht lieber, um es zu verbergen und Spesen zu sparen, sich an eine größereBank in der> Provinzial- oder Landeshauptstadt wandten. In jeder größeren Krisisfiel von den kleinen Bankiers eine gewisse Zahl; sie verloren so vielfach das Ver-trauen, während es größeren Banken mit regelmäßiger Bilanzveröffentlichung leichtererhalten blieb.
Die größeren fähigsten Privatbankiers an den Haupthandelsplätzen sind im Laufedes 19. Jahrhundert successiv über das bloße lokale Kundengeschäft hinausgewachsen.Sie sammelten große Vermögen und konnten es so wagen, Fürsten und Regierungengroße Kredite zu geben, Aktiengesellschaften zu gründen, fremde Anleihen zu übernehmen,Edelmetallhandel zu treiben, fremde Wechsel zu kaufen u. s. w., und doch daneben ihrealte Kundschaft weiter zu bedienen. Ihre Geschäfte verbanden sich noch lange da unddort mit Warengeschäften. In England heißen solche große Privatbankhäuser wie z. B.die Rothschild, Baring, Huth u. s. w. noch überwiegend msrobantL, zumal wenn sie vorallem mit eigenem Kapital arbeiten, nicht den Schwerpunkt in das Depositen- undDiskontogeschäft verlegt haben, große Spekulationen betreiben. Aber sie verschwindenmehr und mehr in London , gehen in Aktienbanken über. Nach Jaffö sind 1810 40solcher großen Privatbankfirmen Mitglieder des Clearinghauses gewesen, 1873 noch 17,1900 nur noch 3. Auch in Berlin, Frankfurt a. M., Paris sind nur noch Restesolcher großen Privatfirmen vorhanden: in Berlin z. B. die Mendelssohn, Bleichröder ,Warschauer, Krause u. s. w. Jaffs meint, in der englischen Provinz erhalte sich derPrivatbankicr mehr als in den Centralpunkten, gehe aber dort teilweise auch in denwucherischen Pfandverleihcr über. Andererseits erhalte sich das englische Privatbankier-geschäft wohl etwas mehr als das deutsche deshalb, weil die englischen Sparkassen allesKapital in Staatsschuldscheinen anlegen müssen, und dort nichts derart wie unserestädtischen und ländlichen Kreditgenossenschaften, unsere Hypothekenbanken, Pfandbrief-institute u. s. w. existiert.
Ehe wir nun aber die siegenden und sich vergrößernden Aktienbanken betrachten,sei die Bemerkung eingeschoben, daß die ältere Kreditorganisation mit den zahlreichenkleinen Lokalgeschäftcn von Privatfirmen und einer oder ein Paar Notenbankenin den meisten Kulturstaaten, trotz mancher Verschiedenheit im einzelnen, im Alterder Entwickelung u. s. w. doch im großen und ganzen mehr übereinstimmte alsdie 1840—1900 sich ausbildende Bankentwickelung, die wesentlich in Aktienform undmit zunehmender Arbeitsteilung sich vollzog. Schon das ganz verschiedene Aktienrechtbedingte große Unterschiede (in England z. B. wird das Kapital vielfach nur bis zul/g—Vs, oft noch weniger, in Deutschland ganz eingezahlt); dann waren die Kredit-sitten und Bedürfnisse sehr verschieden, die Differenzierung der Banken schloß sich andie ganz verschiedenen Aufgaben, welche die einzelne Volkswirtschaft stellte, an. Deshalbist eine summarische Darstellung des neueren Bankwesens sehr schwierig; es sehlt auchnoch an den entsprechenden Vorarbeiten. Wir müssen uns hier daraus beschränken,den wichtigen Unterschied der englischen und deutschen resp, der kontinentalen Entwickelungurz vorzuführen. —
Englische Aktienbanken wurden erst 1826 und zwar 65 Meilen von London entfernt, 1833 in London erlaubt; die erste große Londoner Bank, die „London undWestminster" wurde 1834 gegründet; 1879 gab es (ohne die Kolonial- und die sog.fremden Banken) 79, 1885 110, 1901 wieder nur 77 infolge der Verschmelzungen;daneben 10 schottische und 8 irische. Ihr Hauptpassivgcschäft ist die Sammlung vonDepositen; von 1840—1860 an wird es allgemein üblich, daß alle Geschäftsleute,