Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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236 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u, der Einkommensverteilung. ^94

Die Kernfrage bleibt immer, ob sie das Gründungsgeschäft, die Effektenspekulationanständig und richtig betreiben, ob sie nicht das Publikum zu sehr zur Börsenspekulationverführen, und ob sie daneben das gewöhnliche Bankgeschäft entsprechend fördern, Handelund Industrie durch ihre Kreditgebung richtig lenken, im rechten Augenblick zurück-halten, im rechten vorwärts treiben.

Das Gründungs- und Emissionsgeschäft ist ein heilsamer und berechtigter Zweigihrer Thätigkeit; er wird viel besser von großen in der Öffentlichkeit kontrolliertenEffcktenbanken betrieben als von Privaten und von kleineren unbekannten Banken. Esliegt am besten in den Händen der großen genialen, teilweise freilich oft auch schwindel-haften und gewissenlosen, teilweife aber auch peinlich ehrlichen, die große Verantwortungvoll fühlenden Bankdirektoren, wie sie heute an der Spitze vieler Effektenbanken stehen.Von übernommenen Anlehen, gegründeten Aktiengesellschaften müssen die Banken großeBestände längere Zeit in den Händen behalten, um die Kurse zu halten, die Verwaltungder neugegründeten Gesellschaften zu beeinflussen. Aber natürlich müssen sie dann nach undnach sich wieder von diesen Lasten befreien, um ihr Kapital neuen Zwecken zuzuwenden.Sie müssen dabei an der Börse die von ihnen eingeführten Effekten kaufen und verkaufen;aber sie sollen nicht künstlich die Kurse beeinflussen, um wesentlich durch gemachte Kurs-änderungen große Spekulationsgewinne zu erzielen. Noch weniger sollen sie durch über-mäßige Erleichterung des Kredits an Börsenspekulanten (in Form von Accepten, Lombards,Reports) die Spekulation der Privaten und berufsmäßigen Spekulanten an der Börsekünstlich fördern, nur um hohe Provisionen zu verdienen oder gar um ihre Spekülations-kunden durch geschickte Manöver um ihren Besitz zu bringen. Die Banken, welche sichsolche und andere Sünden in zu starker Weise zu Schulden kommen lassen, fallen ja nunvielfach in den Epochen der Krisis, wie so viele 18731875, wie Bontoux (Union Z6n6rg,1s)1882 in Paris , wie 13901891 und 1901 einzelne deutsche und englische große Häuser.Damit wird die Luft gereinigt, aber es fragt sich, ob auf die Dauer und ob wirklichdie größesten oder nur die dummen Sünder fallen. Auch erste, heute noch bestehendeEffektenbanken haben schwer gefehlt, sich und ihren Kunden Verluste von Millionenzugefügt, ihre enormen Deficits oft künstlich zugedeckt, zuletzt wieder durch glücklicheneue Spekulationen und Fusionen ausgeglichen. Aber ein Fortschritt zum Besserenscheint doch bei den großen deutschen Effektenbanken vorhanden zu sein. Die Öffent-lichkeit zwingt sie dazu, die Erfahrungen der früheren Krisen haben gut gewirkt.

Das laufende Kundengeschäft haben die besseren Effektenbanken Deutschlands , wievor allem die Deutsche Bank, mit Energie und Geschick ausgebildet; sie haben dabei dieAufgaben der deutschen Volkswirtschaft zu Hause und auf dem Weltmarkt mit weitemBlick erfaßt, die Industrie- und Exportentwickelung machtvoll gefördert, vielleicht eherzu sehr durch billigen kurzen Kredit auch da gefördert, wo die Geschäfte nur mit eigenemKapital, nicht mit Bankkredit, der zuletzt immer unsicher und kurz bleibt, sich hättenausdehnen sollen. Sie haben auch in der Zeit der Krisen sich dadurch mehr und mehrbewährt, daß sie die Reichsbank in dem Bemühen unterstützten, gute und solide Geschäftezu halten, fowie dadurch, daß sie fallende Gesellschaften ohne eigentlichen Konkurs zusanieren, auf neue Grundlage ohne zu große Verluste für die Gläubiger zu stellensuchten. Sie sind unberechtigten plötzlichen Depositenkündigungen nicht ohne Vor-bereitung und Geschick entgegengetreten; eine der Berliner Banken vermochte in derletzten Krise bei einem Depositensturm mit Hülfe .anderer Institute in wenigen Tagen60 Mill. Mk. zurückzuzahlen, was 1873, ja 1890 kaum möglich gewesen wäre.

Immer kann noch vieles besser werden; und in Zeiten der Krise, wie gegenwärtig(19001902), werden Reformen aller Art gefordert. Viele Wünsche sind berechtigt,wie eine größere Einschränkung des Acceptkredits, der in seiner Entartung zur Wechsel-reiterei führt, eine viel größere Enthaltsamkeit in der Begünstigung des Börsenspielsder Privaten; ferner die Forderung eingehenderer, häufigerer öffentlicher Berichte, vollendsumfangreicher öffentlicher Jahresberichte; die jetzigen verschleiern die Geschäfte oft mehrals sie sie darlegen. Ob und wie weit man durch Statut oder Gesetz nach dem Vor-bild der Notenbankgesetzgebung die Deckung der Depositen, die Art der erlaubten und