695^ Das Gründungs- und das Kundcngcfchäft der Effektenbanken. Ihre Centralisation. ZZ?
unerlaubten Geschäfte näher festlegen könne und solle, ist eine offene Frage: ebenso ob ihnendie Ausgabe von verzinslichen Obligationen und auf welche Kündigungstermine erlaubtsein soll, wie einst der Seehandlung, ob sie ihre eigenen Aktien beleihen oder zurückkaufendürfen, ob ihnen sür Grund- oder Hypothekenerwerb eine Schranke gesetzt werden soll,ob ihnen die eigene Börsenspekulation, die Termingeschäfte verwehrt oder erschwert werdensollen? Wir wollen auf all'diese Fragen nicht näher eingehen. Eine anständige Praxishat vielfach der Gesetzgebung, die kommen wird, vorgearbeitet.
Die radikale Forderung, daß die kontinentalen Effektenbanken sich nach englischemVorbild in reine Depositen- und Diskontbanken und in reine Effektenbanken scheidensollen, ist praktisch nicht erfüllbar. Die richtige Verbindung beider Zweige hat, wiewir glauben, mehr Vorteile als Nachteile, dürfte namentlich dahin wirken, daß dieBanken nicht auf die Forcierung des Gründungsgeschäftes angewiesen sind, sonderndieses unter Berücksichtigung der allgemein volkswirtschaftlichen Interessen betreibenkönnen; wo diese Verbindung eingelebt ist, könnte sie nur verboten werden, wennungeheure Mißstände vorhanden wären, was jetzt nicht der Fall ist.
Einiges hat praktisch das Geschästsbedürfnis aus dem Umkreis ihrer Thätigkeitausgeschieden: es sind auch aus dem Kontinente besondere Kolonial- und überseeischeBanken entstanden, welche freilich teilweise in enger Fühlung und Personalunion mitden Effektenbanken stehen. Und ebenso haben sich Trust- und Finanzgescllschaften ge-bildet, welche, wie z- B. die Eisenbahnrentenbank in Frankfurt a./M. auswärtige Vicinal-eisenbahnaktien, überhaupt Anlagewerte erwirbt und verwaltet, die das Publikum nichtleicht kauft, nicht beurteilen kann.
Dieser differenzierenden Bewegung steht aber eine entgegengesetzte centralisierendein England , wie auf dem Kontinent gegenüber. Nachdem schon seit den 1860 er und1870 er Jahren die großen Emissionsbanken zu einzelnen Konsortialgeschäften und bald auchzu dauernder Gruppenbildung (in Deutschland zur Rothschildgruppe und ihren Gegnern,in Berlin jetzt zu den 18 Banken des sogenannten Stempelvereins) zusammengetretenwaren, einen erheblichen Teil der Konkurrenz ausschalteten und so zu Monopolstellungengelangten, haben seit den letzten 10 und 15 Jahren die Fusionen mittlerer und großerBanken, die Verschmelzung der hauptstädtischen mit den provinziellen Banken, die großeAusdehnung des Filialensystems immer größere, mächtigere Organisationen geschaffen.Diese Bewegung ist es, welche einen großen Teil des kleinen und des großen Privat-bankgeschästs beseitigt, welche bei weiterem Fortgang vielleicht eine noch gewaltigereCentralisation wie im Notenbankwesen herbeiführt, welche auch Staat und Gesetz-gebung eher aus ihrer bisherigen passiven Rolle den Effektenbanken gegenüber lockenwird als die seitherigen, eher ab- als zunehmenden Mißbräuche.
Die Ursachen der Centralisation sind teilweise ähnliche wie bei den Noten-banken : das Vertrauen aus die kleineren Geschäfte ist geringer, ihre Kosten sind vielfachgrößer; die Provinzialinstitute müssen sichere Vertreter in der Hauptstadt haben. Dannhaben die Konsortialgeschäfte die Bewegung vorbereitet; oft war das Motiv der Ver-schmelzung auch nur ein Kursgewinn; wenn die Aktien des einverleibten kleinen In-stituts z. B. auf 100, die des absorbierenden auf 200 standen, so konnte damit einGewinn im Betrage der Kursdifferenz diefer beiden Aktien, also von 100, gemachtwerden. In England hat die Barclcys Bank in wenigen Jahren 13 andere absorbiert;in Deutschland haben die großen Berliner Banken hauptsächlich seit 1895 teils durchFusionen, teils durch Kommanditbeteiligung bei anderen großen Banken eine beispiel-lose Centralisation erreicht. Die Deutsche Bank, an sich die größte nach der Reichsbank,verfügt jetzt über 8 größere Banken, als ob es ihre Filialen wären. Die großstädtischeBankwelt gewinnt damit noch mehr als bisher das Übergewicht über die Provinz; von1939 Mill. Mk. Kapital der Effektenbanken 1900 fallen 1019 Mill. auf die Berliner;das eigene und fremde Kapital der Effektenbanken machte 6958, das der Berliner3821 Mill. Mk. aus. Die Macht der Banklciter ist durch die Centralisation außer-ordentlich gesteigert worden; ebenso hat aber die Schwierigkeit und die Verantwortlich-