238 Drittes Buch- Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. s^ßW
keit der Leitung zugenommen. Es ist ein Seitenstück zur Kartell- und Trustbildungin der großen Industrie.
Die kleinen Leute, die Mittelstandspolitiker, die Lokalinteressenten beklagen dieBewegung. Ihre Schattenseiten hat sie natürlich; sie vermindert teilweise die Konkurrenz,sie setzt unter Umstanden an Stelle ortsknndiger, selbständiger Geschäftsleute Beamte,die aus der Hauptstadt kommen, keinen eigenen Willen, keine eigene Verantwortlichkeithaben können. Sayous schildert den neuesten französischen Bankcentralisierungsprozeßnur von der ungünstigen Seite: die großen Banken werden von Reglements beherrscht,statt von selbständigen Köpfen; er sieht als Folge nur engherzige Kreditbewilligungund Verwendung des Kapitals an der Börse und in der Hauptstadt. Dagegenist zu bemerken, daß die Centralisierung sehr verschieden durchgeführt werden kann,daß die Leiter der Filialen Wohl auch orts- und sachkundige, selbständige Leute seinkönnen. Außerdem bedeutet die Centralisation doch auch Kostenersparung und Kredit-erleichterung. Und zunächst bleibt doch noch überall eine erhebliche Zahl konkurrierendersich bekämpfender großer Institute übrig, und sie werden im Durchschnitt heute dochbesser und weitsichtiger geleitet, unterstehen mehr der öffentlichen Kontrolle als diefrüheren kleinen Anstalten. Ob die Bewegung zuletzt, wie bei den großen Notenbankenund künftig wohl auch bei den Trusts und Kartellen, zu irgend welcher Vertretung derGesamtinteressen in der Leitung dieser Institute führen werde und müßte, wollen wirhier nicht weiter erörtern. Wir vermuten es für die Zukunft.
198. Die gemeinwirtschaftlichen Grundkreditinstitute. Aus demkausmännischen Bankiergeschäft erwuchsen die bisher dargestellten Banken, und Händler-organisationen blieben sie im ganzen auch da, wo sie dem Staatseinfluß unterstellt,durch Gesetze reguliert wurden; ihre Hauptaufgabe war immer und ist heute noch kauf-männisch geschulten Kreisen Kredit zu geben, für sie Kredit-, Zahlungs-, Gründungs-und andere Geschäfte zu besorgen.
Wir kommen mit unserer Betrachtung nun in eine andere wirtschaftliche Welt,zu dem Kredit, den Gutsbesitzer und Bauern, Handwerker und Manufakturisten, kleineLeute und Arbeiter brauchen. Ob etwas höher oder niedriger stehend, sie besitzen wederdie kaufmännischen Kreditkenntnisse, die sür solche Geschäfte nötig sind, noch wissen sieleicht die Stellen und Personen zu finden und zu beurteilen, wo sie Kredit finden.Der Besitz-, Meliorations- und Betriebskredit des großen und kleinen Landwirtes, derHypothekenkredit, auch der Personalkredit, der Viehleihkredit der Landleute, derganze Pfandleihkredit, der Personalkredit des Mittelstandes und der unteren Klassen,aller Konsumtiv- und Notkredit gehört in dieses Gebiet. Ihm dienen, wie wir sahen,erst gute Freunde, Nachbarn, Verwandte, bald aber und viel häufiger kleine privateKapitalbesitzer, Viehhändler, Krämer, mehr und mehr auch dunkle Ehrenmänner undWucherer. Wir haben im vorigen Kapitel die vielfach ungünstigen Folgen dieser Kredit-arten schon beschrieben. Es ist lange nicht möglich gewesen, für dieses Geschäft solide,anständige, größere, nichtwucherische Kreditorganisationen zu schaffen, schon weil dieserKredit zu viele Gefahren bietet, seine Verwaltung anrüchig ist, weil das vorhandeneKapital zunächst in anderen Bahnen leichtere, lohnendere und zugleich anständigereBeschäftigung fand. Und daher fehen wir auf diesem Gebiete Kirche und Staat,Gemeinden und humane Vereine von Anfang an eine ganz andere Rolle spielen, gemein-wirtschaftliche Kreditorganisationen da gründen, wo man eine klare Empfindung derMißstände hatte, wo die privaten Kapitalverleiher und Wucherer es nicht gehinderthaben. Die Entwickelung war in den verschiedenen Ländern vielleicht eine noch ver-schiedenere als in Bezug aus Depositen- und Effektenbanken, weil eben nicht bloß wirt-schaftliche, sondern ebenso sittliche, politische, Verwaltungsursachen in die Bewegung ein-griffen. Das Problem bestand überall im ganzen darin, für gewisse Kreditgebiete undKreditvorgänge, die an sich geschäftlich behandelt sein müssen, die in den Händen desprivaten Leihgeschäftes aber leicht zu wucherischen Vorgängen ausarten, weil die einePartei geschäftsunkundig ist, Kreditorgane zu schaffen, die Besseres leisten als der Privat-kredit, die geschäftsmäßig und doch von höheren Zielen geleitet ihren Kredit geben, nicht