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Wesen des gemeinwirtschastlichen Realkredits. Hypothekenbanken.
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landwirtschaftliche Fortschritte, Meliorationen, Grundentlastungen, stärkere Erbabftndungen-als früher den Kapitalbedarf steigerten, wenn in Aufschwungsperioden das Kapitalstark in der Industrie oder für Staatsanlehen, für Kapitalexport begehrt wurde, wennZeiten steigenden Zinsfußes viele Kündigungen brachten. In vielen Ländern mangeltenja auch die genannten Anstalten ganz, und trat doch wie in Frankreich nach 1350, inItalien uach Begründung seiner Einheit ein sehr verstärktes Bedürfnis nach Hypothekar-Zreditinstituten ein. Wo gar kein Jnstitutskredit den privaten Verleihern Konkurrenzmachte, hat im 19. Jahrhundert die BeWucherung des Landmanns Schritt für Schrittmit der zunehmenden Geld- und Kreditwirtschaft sich gesteigert.
So war es natürlich, daß man schon 1820—1860 neben den Sparkassen sich andie gewöhnlichen Banken wandte, die in ihren Anfängen vielfach harmlos Noten aus-gaben und daneben auf Hypotheken liehen. Die preußische Bank hatte es im 18. Jahr-hundert so gemacht, war freilich dadurch 1806 bankerott geworden; die poiumerscheritterschaftliche Bank erstrebte das Gleiche 1824. Die bayrische Hypotheken- undWechselbank, 1835 gegründet, wurde verpflichtet, neben allen anderen Bankgeschäftenauch Hypothekendarlehen aus einem Teil ihres Aktienkapitals (von 20 Mill. Gulden 12)zu geben; erst von 1864 an gab sie Pfandbriefe zu diesem Zwecke ans. Aucheinzelne andere deutsche Noten- und Effektenbanken der Epoche von 1840—1360 be-hielten diesen gemischten Charakter, und noch heute haben manche deutsche Hypotheken-banken diese Doppeluatur. Von der Schweiz sahen wir das Gleiche, und daß es inÖsterreich und Italien noch bis in die neuere Zeit geschah, und zum größten Schadendieser Länder, daraus kommen wir gleich. Jedenfalls genügte das nicht. Man ver-langte kaufmännisch verwaltete Aktienbanken speciell sür den Hypothekarkredit; manerklärte sie (im Einklang mit der theoretisch 1350—1875 vorherrschenden Theorie) fürdie einzig richtige Form dieses Geschäftes: ihr Erwerbstrieb werde ihnen den Schwungund die Energie geben, die den öffentlichen Instituten sehle.
In der Zeit von 1850—1875 rief man überall nach leichterem Hypothekenkredit;das Bedürfnis außer auf dein Lande war auch in den Städten durch ihre rasche Ver-größerung, ihre Um- und Neubauten außerordentlich gestiegen; das ganze städtischeBauwesen konnte sich nur mit einem gut organisierten Hypothckarkredit von großenAnstalten entwickeln. Und dasür taugten zunächst auch kaufmännisch betriebene Hypo-thekenbanken am besten. Auf diesem Geschäftsgebiet ließen sich leicht erheblicheGewinne und Dividenden erzielen. Man war schon mit Rücksicht hierauf in vielenLändern bereit, in der Konzessionierung der Aktiengesellschaften, in der Prüfung derStatuten gefälliger zu sein als bisher. In Frankreich begann Napoleon III. mitdem Plan, in jedem Departement eine Hypothekenbank zu errichten, ließ sich dann aberdafür gewinnen, ein Riesenaktieninstitut sür ganz Frankreich , den Orsäit lonoisr, zuschaffen, dessen Pfandbriefe so viel leichter unterzubringen seien als die von kleinenDepartementsinstituten. Die Gesellschaft, einst mit der Hoffnung begrüßt, ganz Frank-reich von seiner hypothekarischen Schuldlast (damals zu 3, heute zu 18 MilliardenFrancs geschätzt) zu befreien, hat erst mit 60, später mit 170,5 Mill. Francs Kapitalgearbeitet; sie hat von der Gründung bis Dezember 1898 4,4 Milliarden Hypothekenkreditgegeben, aber nur 1/4 davon auf ländliche Grundstücke; ^4 haben dem städtischen Kreditund dem Baugeschäft gedient; ihr Hypothekenstand war 1898 nur 1,7 Milliarden insast lauter ganz großen Posten. Das Hauptinteresse der Geschäftsführung lag bis zurUntersuchung von 1390 im Effektengeschäft und in Börsenspekulationen, teilweiseschlimmster Art; sie hat die Bestechung der Pariser Presse förmlich in ein Systemgebracht, gab 189» regelmäßig jährlich dafür 1—2 Mill. Francs aus, konnte aber auchfast immer eine sehr hohe Dividende zahlen. Der französische Bauer hat nichts vonihr gehabt, als daß sie andere Hypothekarkreditinstitute hinderte. Das Unglück war,daß, wie der Oöäir modilisr, so auch der <üi'6üit tonoisr das Vorbild für viele In-stitute in anderen Ländern, Osterreich, Holland, Italien wurde.
Österreich haben wir schon berührt (S. 241). Als die alten Institute undSparkassen nicht auszureichen schienen, hat man zunächst 1856 der Nationalbank eine
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