Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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259 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güteruml-mscs u, der Einkommensverteilung. ^7gK

fast nur Hypotheken gewählt. Ähnlich stand es in den anderen deutschen Staaten.,Schleswig-Holstein hatte Privatkassen wie England ; sie zeigten teilweise auch dieselbenSchattenseiten wie dort, waren aber im ganzen doch gut verwaltet und dienten ebensosehr dem lokalen Bedürfnis der Kreditsuchenden wie dem der Sparer. In Österreich, .Italien, der Schweiz, Holland , den skandinavischen Ländern war die Entwickelung bis18501860 eine ganz geringe gewesen.

Von da an kam aber ein neuer Zug in das Sparkasscnwesen. Die sociale Fragekam auf die Tagesordnung; man kümmerte sich allgemein mehr um diese und ähnlicheFragen. Die Löhne fingen an zu steigen, ebenso der Sinn der arbeitenden Klassen fürRücklagen, der Spartrieb; die Mittelklassen benutzten die Sparkassen mehr als bisher.Das Genossenschaftswesen, das Hülfskassenwesen begann zu wirken. Vor allem wecktedie englische Begründung der Postsparkasse (1861) und ihre Nachahmung in vieleuLändern die Geister auf. In Deutschland gaben die Selbstverwaltungsreformen den Ge-meinden und Kreisen so viel mehr inneres Leben, daß sie ihre Sparkassen verbesserten;,die vergrößerten Kassen schufen einen besonderen Stand von Beamten, Bürgermeistern,,die sich speciell um diese Fragen kümmerten, erst provinzielle Verbände, dann einendeutschen Sparkassenverband schufen, in welchem alle einschlägigen Fragen mit Sach-kenntnis erörtert, Anregung aller Art gegeben wurde.

Gladstones Postsparkasse (1861) hatte die Einzahlstellen, deren es bisher nureinige Hundert gegeben, auf ebenso viel Tausend vermehrt (1880 8351); sie gab jedemdie Möglichkeit, an jedem Postschalter des Königreichs einzuzahlen und abzuheben; siewurde hauptsächlich von den Ärmeren benutzt; sie veranlaßte auch die alten Trustee-kasscn zu allerlei Reformen. Immer blieben sie im ganzen seither stabil, während die-Postsparkasse wuchs; man zählte im Vereinigten Königreich:

Bücher Einlagen

der Postsparkasse

1861 1,6 Mill. Pfd. Sterling 1860

1869 - 13.S ., -

1885 3.5 Mill. 47,7 , 1885

1899 8,0 130,1 1899

Bücher Einlagender Trusteesparkassen1,5 Mill. 41.2 Mill. Pfd. Sterling,

1,51,6

46,351,4

Die englische Postsparkasse erwarb sich als centralisiertes Staatsinstitut, das-alle Einlagen in englischen Konsols anlegte, das allgemeinste Vertrauen, obwohl es-nur 2^2°/« Zinsen giebt. Das Beispiel lockte zur Nachahmung; Frankreich folgte 1875bis 1881, Belgien machte 1869 die Postbureaus zu Erhebungsstellen seiner Staats-sparkasse; Italien führte 1875, die Niederlande 1880, Österreich 1882, Schweden 1883,Ungarn 1885, Rußland 1889 Postsparkassen ein. Auch Rumänien, Japan , dieaustralischen Staaten, Canada u. s. w. haben sie. Ihre Vorteile liegen auf der Hand,zumal für Länder von fehr zerstreuter Wohnweife; ebenso für wirtschaftlich tiefstehende Länder, deren Gemeinden, so wenig wie private besitzende Kreise zur Organisationvon Kassen bereit und fähig waren, deren untere Klassen bisher noch wenig zum Sparengeneigt sind. Immer sind die Erfolge keineswegs überall so groß wie in Englands z. B. in Frankreich stiegen die Einlagen der Postsparkasse bis 1897 auf 844 Mill.Francs, während die alten Sparkassen folgendes Bild zeigen:

18751897

515 Kassen

545 ..

2,36 Mill. Einleger6,77

600 Mill. Francs Einlagen3427 ......

Auch im übrigen hat die centralisierte Staatsanstalt ihre Nachteile; sie zieht dasKapital der kleinen Leute nach der Hauptstadt; wo ausschließlich Staatspapiere gekauftwerden, hebt dies deren Kurs zeitweise auf unnatürlich übertriebene Weise, um dannwieder bei Sinken der Kurse Verluste bis 10°/o zu erzeugen. Die englische Postsparkassehat bis 1898 an den Fiskus 1^2 Mill. Pfd. Sterling Überschüsse bezahlt, die denEinlegern hätten zu Gute kommen müssen. Die Staatsanstalt arbeitet teilweife billiger,teilweise teurer als die Gemeindekassen. Sie hindert, wenn sie gedeiht, die Fortschritte