Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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262 Drittes Buch, Tcr gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung, s^720

Arbeitsverfassungen mit befehlenden und gehorchenden Elementen erschienen uns so als-die zwei notwendigen Folgen des gesellschaftlichen Differenzierungsprozesses überhaupt,,ohne welchen die aufsteigende Entwickelung der Menschheit sich nicht vollziehen könne.

Die Differenzierung und das Organisationsbedürfnis der Gesellschaft schuf dauerndeKlassengegensätze; sie konnten sich nur anlehnen an die körperlichen und geistigen Ver-schiedenheiten, welche teils vorhanden waren, teils durch die Macht, das positive Recht,,die Beschäftigung, die Erblichkeit des Berufes, den Besitz weiter gesteigert wurden.Stets war dabei eine größere oder geringere Abhängigkeit der unteren handarbeitendenKlassen von den höheren die Folge, und aus ihr, wie aus dem Organisationsbedürfnisse,aus den politischen Ideen der Zeit, aus den sonstigen Staats-, Rechts- und Wirt-schaftsverhältnisfcn gingen die erwähnten typischen Rechtssormen der Sklaverei, derHörigkeit und der freien Arbeit nach einander hervor. Jede von ihnen setzt erheblichesociale Klassengegensätze voraus; aber jede solche von anderer Art und ein ganz anderesStadium der volkswirtschaftlichen Entwickelung sowie eine ganz andere socialpolitischeIdeenwelt. Den Unterschied der drei Rechtsformen wird man vielleicht am kürzesten sosormulieren können: Die Institution der freien Arbeit giebt den führenden Kreisen ge-ringere Herrschafts- und Machtbesugnisse als die Hörigkeit, diese geringere als dieSklaverei. Wir werden also annehmen können, daß die letztere Institution, dieSklaverei, einst da sich bildete, wo etwas größere Familien, Betriebe, Herrschaften zuorganisieren nur mit den weitgehendsten Machtbefugnissen möglich war, wo die unterenKlassen noch roh und gewaltthätig, nur so in die Familien und Betriebe einzuordnenwaren. In etwas gemilderter Abstufung war dies bei der Hörigkeit der Fall. Die-beiden alteren Arbeitsversassungen entsprachen den früheren größeren und härteren Klassen-gegensätzen; man bedürfte bei der noch überwiegenden Naturalwirtschaft, bei der unvoll-kommenen Technik und Arbeitsteilung der harten Disciplinarmittel, welche diese In-stitutionen boten. Sie erreichten technisch und wirtschaftlich, wie wir oben (I, Z 116)sahen, zeitweise Großes, aber nicht ohne die Überspannung ihrer disciplinarischen Herr-schaftsmittel. Und das führte mit der Zeit zu fo brutalen Mißhandlungen, zu so großensocialen Mißständen, daß die ganzen Institutionen endlich unmöglich wurden. Der vonihnen erzeugte Haß, die sociale Reibung machte diese schärferen Rechtsformen des herr-schaftlichen Arbeitsverhältnisses unmöglich; die aufsteigenden unteren Klassen mußteneiner humaneren Form unterworfen werden, der der freien Arbeit.

Einzelne freie Arbeiter, ja Gruppen von solchen hat schon die Zeit der Sklavereiund der Hörigkeit gekannt. Die fähigsten Elemente befreite man, oder sie kauften sichdie Freiheit; wo größere Geschicklichkeit, seinere Arbeitsteilung und Geldwirtschaft vor-drang, wo die neuen Betriebsformen, die größeren Betriebe sich einstellten, nahm dieZahl der freien Arbeiter zu. Die europäische Stadtbevölkerung hatte vom 14. und15. Jahrhundert neben Lehrlingen und Gesellen verheiratete Lohnarbeiter; die Haus-industrie erzeugte in den italienischen, deutschen, niederländischen, französischen und eng-lischen Städten einen breiten Stand von Leuten, der, nur teilweise noch Kleinmeister,überwiegend schon reine Lohnarbeiter umfaßte. Auch die Bauarbeiter, die Matrosen,die Berg- und Salincnarbeiter des 15. bis 18. Jahrhunderts, die Gelegenheitsarbeiter,die Insten, Häusler und andere Tagelöhner auf dem Lande vermehrten da und dortdie Schar der verheirateten freien Arbeiter (vergl. I § 117 S. 343). Überall war eingewisser volkswirtschaftlicher Fortschritt Bevölkerungsdichtigkeit, größere Arbeits-teilung, Geldwirtschaft und Ähnliches, dann gesteigerte wirtschaftliche Tüchtigkeit,größere Intelligenz, eine gewisse Hebung der Lebenshaltung der Arbeiter die Voraus-setzung, wenn die Sklaverei und Leibeigenschaft der freien Arbeit so an einzelnen StellenWeichen sollte.

Erst die letzten hundert Jahre aber haben die volle Beseitigung der Hörigkeit inEuropa , der Sklaverei in den Kolonialländern gebracht und zwar nicht sowohl wiefrüher durch Einzelverträge, Einzelmaßregeln und gewohnheitsmäßige Umbildungen,sondern überwiegend in der Form der Durchführung großer Emancipationsgesetze,welche von den staatlichen Gewalten angeordnet, im Laufe einiger Jahre oder Gene-