Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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264 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. ^722

richtige Verbindung bringe mit der praktisch-geschäftlichen, unabweisbaren Forderung,daß die arbeitenden Klassen wie bisher als dienende Glieder den Familien, den länd-lichen und städtischen Betrieben, den immer größer werdenden Unternehmungen eingefügtund deren Disciplin, welche mit der Größe der Betriebe notwendig nach gewissen Seitensich verschärfen mnßte, untergeordnet werden. Denn die Notwendigkeit einer herrschaft-lichen Organisation der wirtschaftlichen Betriebe blieb, wie seit Jahrhunderten, zunächstunverändert bestehen. Ein plötzlicher Übergang in genossenschaftliche Betriebe war im18. und 19. Jahrhundert ganz ausgeschlossen, hat auch gegenwärtig und in Zukunftdie größten Schwierigkeiten, gelingt bis jetzt nur einer kleinen ausgewählten Schar.Die Aufgabe, große herrschaftliche Betriebe mit sreien Arbeitern zu organisieren, warund ist psychologisch, social, rechtlich und wirtschaftlich das denkbar schwierigste Problemder heutigen Volkswirtschaft. An ihrer Lösung arbeiten wir seit hundert Jahren undwerden noch viele Generationen hindurch daran arbeiten.

Würde es sich bei den modernen Arbeitsverhältnissen etwa überwiegend umEinzelverträge handeln, wie sie die Hausfrau mit einem Hausschlächter, einem Weber,einem Schneider oder Tischler schließt, der für eine Stunde zu einer bestimmten Arbeitins Haus kommt oder dem Garn, Tuch, Holz zur Verarbeitung in seine Werkstattmitgegeben wird (loe^tio eonüuetio operis), so wäre von den bestehenden Herrschafts-und Dienstverhältnissen der größere Teil leicht abzustreiscn gewesen. Der Arbeitsvertragüber solche Einzelleistungen, über eine Stunde Arbeit, stellt Auftraggeber und Arbeiterin freier, unabhängiger Stellung nebeneinander. Die Arbeitsverhältnisse sind aberüberwiegend andere; sie setzen voraus, daß der Dienstbote, der Lehrling, der Geselle,der Fabrikarbeiter, der ländliche Tagelöhner, meist auch der Heimarbeiter sür Tage,Wochen und Monate dienendes Glied eines socialen Organes werde, meist nicht beisich, sondern in dem Hause, dem Geschäftslokal des Arbeitgebers nach seinem Befehlzusammenhängende Arbeitsleistungen verrichte (loo^tio eoncluotio oxerainm). DerArbeiter wird damit seiner Familie sür die Arbeitszeit entzogen, er muß der Lebens-ordnung, der Technik, der Arbeitsteilung des Geschäftes sich eingliedern und unterordnen;den hier herrschenden Sitten und Traditionen, wie den Anordnungen des Unternehmers,der Beamten muß er sich fügen. Seine Wohnung, sein Familienleben, seine Lebens-führung, seine ganze Existenz ist so durch das Geschäft, durch die Stelle, die er bekleidet,durch sein Arbeitsverhältnis bedingt, und zwar um so mehr, um so schroffer, je größerder sociale Organismus ist, in den er eintritt, je weniger er über eigenen Besitz verfügt,je geringer seine Fähigkeiten, seine technische Ausbildung ist.

Die sortgeschrittene Arbeitsteilung und die Geldwirtschaft haben es gewiß er-leichtert, daß in immer komplizierterer Weise und in immer größeren OrganisationenBesehlende und Gehorchende so zusammenwirken, daß eine Unterordnung in der Dienst-zeit sich verträgt mit zunehmender persönlicher Freiheit im übrigen. Aber diese Artdes Zusammenwirkens ist doch nicht ohne steigende Konflikte möglich, setzt neue Sittenund Ordnungen, setzt klügere, höher stehende Menschen voraus. Und so ist es Wohlbegreiflich, daß in den Kolonien der Europäer die früheren Herren und die früherenSklaven vielfach in die Freiheit sich nicht finden konnten, daß die Emancipation dieVolkswirtschaft ganzer Länder erschütterte, daß ein Mann wie Carlyle die englischeSklavenemancipation für eine verfehlte Maßregel erklärte, daß in Rußland feit 1860,auch in Deutschland nach der Beseitigung der Hörigkeit jahrzehntelang teilweise rechtunerquickliche, ja vereinzelt schlimmere Zustände als zuvor eintraten.

Wir werden vielleicht, wenn wir eine allgemeine Schätzung wagen wollen, sagenkönnen, daß der Sieg der freien Arbeit, der von 1500 an langsam beginnt, aber erstvon 1789 -1870 sich vollendete, wohl nur für das oberste Drittel der Arbeiter vonreinem Segen war, daß das zweite Drittel, bisher in Naturalwirtschaft und Bevor-mundung befangen, lange Jahrzehnte brauchte, um auf sich selbst stehend, in der neuenRechtsform seine neuen Interessen richtig zu erfassen, sich der Geldwirtschast anzu-bequemen, den freien Arbeitsverträgen die rechte Form zu geben, und daß ein Drittel,die schwächlichsten, indolentesten Arbeiter in Lebenshaltung und Lebensglück entweder