Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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2g6 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. ^724-

Anlage sichert die Zukunft, stellt die Leute dem Mittelstande gleich. Andererseits er-möglichen alle diese Beihülfen den Lohndruck und können so dem Arbeiterstand schaden.Doch wäre es gewiß falsch, sie deshalb schlechthin verwerfen zu wollen; man muß nur-diese ungünstige Nebenwirkung, den Lohndruck zu hemmen suchen. Ein möglichst anEigentum und Besitz beteiligter und gut gelohnter Arbeiterstand kann allein Frau undKinder davor bewahren, zu früh, zu oft, zum Schaden von Familie und Erziehungauf Arbeit zu gehen; er allein kann die härteste Seite des heutigen Arbeitsverhältnisses,,die Unsicherheit und zu große Abhängigkeit, überwinden.

Zunächst ist freilich die Mehrzahl der Lohnarbeiter ohne oder ohne erheblichen,eine Rente gebenden Besitz. Und damit, sowie mit der zunehmenden Zahl verheirateterArbeiter, die ihre Kinder wieder Arbeiter werden lassen müssen, ist die Signaturunseres heutigen Arbeiterstandes gegeben. Darin liegt es begründet, daß die Ordnungder Lohnfrage und die Erziehung des Arbeiternachwuchses den Kern der socialen Frage-bildet.

2. Außer dieser Unterscheidung der Lohnarbeiter nach ihren sonstigen Einnahmen,ihrem Alter und ihrem Familienstand gehört aber zu ihrer vollen Charakterisierungauch eine solche nach ihren ethnischen und psychologischen Eigenschaften, nach ihrenBildungs- und Kulturverhältnissen. Wir werden die unabsehbare Mannigfaltigkeit,der Zustände am leichtesten überblicken, wenn wir einige der wesentlichsten ethnisch undhistorisch erwachsenen Typen des heutigen Arbeiterstandes nebeneinander stellen.

g,) In Kolonien, wo man die Sklaverei aufgehoben hat, in wirtschaftlich sehrniedrig stehenden Ländern, deren Einwohner den sogenannten Naturvölkern noch nahestehen, überall wo man Neger oder ähnliche Elemente als freie Lohnarbeiter verwendenwill oder muß, hat man es überwiegend mit Menschen zu thun, welche vielleicht schonsür ihre Eigenwirtschaft zu arbeiten gelernt haben, meist aber auch für sie noch wenig,Fleiß und Energie zeigen, jedenfalls aber der freien Lohnarbeit für andere nicht rechtsähig sind. Sie sind träge, sorglos und kurzsichtig, ihre Bedürfnisse sind gering undschwer zu steigern, oft mit leichter Arbeit von ein oder zwei Tagen in der Woche zubefriedigen; häufig ist ein eigener kleiner Besitz sür sie ohne weiteres zu erreichen;einen größeren erstreben sie gar nicht. Die Abneigung gegen eine planmäßige, ihnenvorgeschriebene, 812 Stunden dauernde Arbeit, vollends gegen eine solche in Fabriken,an Maschinen ist ost unüberwindlich. Nur etwa die gröbste Feld- und Hausarbeit istihnen geläufig; feinere Werkzeuge und Maschinen werden in ihren Händen leichtunbrauchbar. Daher immer wieder Vorschläge zu irgend einem System des Arbeits-zwanges. Nur besonders geschickte Maßregeln der Erziehung zur Lohnarbeit, derGewöhnung an höhere Bedürfnisse, der Anleitung zu Anstrengung und Fleiß, wie siedie Holländer in ihren Kolonien anwandten, vermögen langsam Wandel zu schaffen.Werner Siemens erzählt anmutig, wie er am Kaukasus sich langsam durch allerleiLockmittel Lohnarbeiter schuf, z. B. indem er sie an bessere Wohnung gewöhnte, durchdie Eitelkeit und Bedürfnisse der Frauen die Männer so weit brachte, die ganze Wochein die Fabrik zu kommen.

Sogar von Rußland könnte man sagen, es habe in vielen seiner Teile erst imletzten Jahrzehnt eigentlich sreie Lohnarbeiter erhalten. Die Masse der befreitenHörigen waren und blieben an der Scholle und ihrer Eigenwirtschaft haftende Klein-bauern, ob sie dem Gutsherrn daneben dienten oder als Heimarbeiter gewerblicheProdukte erzeugten und verkauften oder periodisch auf Wochen und Monate zur Stadtund in andere Gebiete zogen, um irgend eine Arbeit zu verrichten. Noch jetzt leidetdie dortige Industrie darunter, daß ihre Arbeiter zur Bestell- und Erntezeit in die-Heimat wollen, daß man von ihnen nie weiß, wie lange sie wegbleiben. Schulze-Gävernitz hält es sür einen großen wirtschaftlichen Fortschritt, wenn ganze Familiendauernd sich vom Heimatsdorf lösen, sich an die regelmäßige Lohnarbeit gewöhnen^ihre Kinder dazu anleiten.

d) Schon einen abweichenden, wenn auch verwandten Typus von Lohnarbeiternbesitzen jene alten Völker der Halbkultur, wie Chinesen, Japaner u. s. w., die bei